Wieder einmal haben die deutschen Börsen turbulente Tage hinter sich. Den Anstoß dafür gaben in der vergangenen Woche die Ausländer, die sich bei den IG-Farben-Nachfolgern und bei Siemens in großen Beträgen engagierten. Warum? Drei Gründe werden genannt. 1. Große Teile des internationalen Kapitals werden aus Afrika (politisches Risiko!) zurückgezogen. Nennenswerte Beträge flossen in die Bundesrepublik. 2. Die Spekulation um die Aufwertung der D-Mark hat zwar nachgelassen, nachdem Bundesbank und Bundesregierung mehrfach kräftig eine solche Möglichkeit in Abrede gestellt hatten, aber so etwas reizt nun einmal zum Widerspruch. Die D-Mark-Spekulation wird erst aufhören, wenn man deutscherseits nicht nur dementiert, sondern auch Schritte unternimmt, um die kopflastige Zahlungsbilanz wieder ins Gleichgewicht zu bringen. 3. Durch das Verbot, Ausländer-Konten zu verzinsen, sind viele Ausländer gezwungen, nach zinsträchtigen Anlagen zu suchen. Dabei fällt für die Aktien einiges ab.

Diesem dreifachen Nachfragestoß, der sich zudem nur auf schmaler Bahn bewegte, waren die Märkte um so weniger gewachsen, als das deutsche Publikum – zufrieden mit der Aktienlage – keinen Grund sieht, sich von seinen Papieren zu trennen. Die Folge: Marktenge und sprunghaft steigende Kurse, auch bei den Unternehmen mit weit gestreutem Aktienkapital. In der Vorwoche schien es so, als ob die IG-Farben-Nachfolger ihren Marsch auf die 1000-Prozent-Grenze angetreten hätten. Aber nach einer alten Börsenerfahrung vollzieht sich eine derartige Bewegung nicht isoliert. Gewisse Relationen müssen bestehen bleiben. Das war dann auch der Grund, warum es Anfang dieser Woche zu einer Hausse auf dem Montan-Markt kam. Hier war eine Nachholbewegung schon lange fällig, auch wenn und die besonderen Verhältnisse bei Eisen, Stahl und Kohle berücksichtigt.

In der Vergangenheit hat sich im Wertpapierbesitz insofern eine einschneidende Veränderung vollzogen, als überall der Anteil der Montan-Aktien an den Portefeuilles verringert worden ist, teilweise von 30 auf 15 Prozent. Vielfach geschah es nicht einmal durch Verkauf einschlägiger Werte als vielmehr durch eine Verstärkung auf dem Chemie- und Elektro-Gebiet. Auf diese Weise konnte bei den Montanen niemals ein Anlagedruck entstehen.

Trotz der jüngsten Kursgewinne marschieren die Montane mit ihrer Rendite immer noch an der Spitze der Aktien. Sollten sich die Gesellschaften entschließen, die gut verlaufenen vergangenen Monate bis zur Dividende durchschlagen zu lassen (Mannesmann gab ein verheißungsvolles Beispiel), dann werden viele Anleger bereit ein, das politische Risiko, das in den Bundesagswahlen 1961 (Sozialisierungsgefahr) steckt, vorerst zu vergessen. Es wird bereits von einer nennenswerten Dividendenerhöhung bei Klöckner geraunt, wo das Geschäftsjahr jetzt zu Ende gegangen ist. Gerüchtweise spricht man von einem Frankfurter Bankier, der gewettet haben soll, daß Klöckner noch gut und gern auf 400 Prozent gehen werden. Das mag ein Zweckgerücht sein; Tatsache ist jedoch, daß es viele Leute gibt, die einen solchen Kurssprung für möglich halten.

"Nachholbedarf" hatten aber nicht nur die Kurse der Montan-Aktien, sondern auch die Bank-Aktien und AEG. Bei den Bank-Aktien ist die Sache klar: Angesichts der wertvollen Aktienportefeuilles der maßgeblichen Bänken ist beim Steigen der Aktienkurse jedesmal eine entsprechende Korrektur der Banken-Kurse selbst fällig, unabhängig, ob die Banken gute Geschäfte machen oder nicht (aber sie machen welche). Im Falle AEG war der Abstand zum Siemens-Kurs unnatürlich groß geworden; auch hier mußte eine Angleichung erfolgen. Die AEG-Aktien litten an der Börse besonders unter dem Berlin-Risiko, das in diesen Sommerwochen an Gewicht zu verlieren beginnt. Jedenfalls bewegten sich die Schultheiß- und Bekula-Aktien ebenfalls auf steigender Bahn. Natürlich gibt es vielerorts wieder Kopfschütteln über die Kurse. Es wird gewarnt: "Was geschieht, wenn die Ausländer massiert deutsche Aktien verkaufen "Von der Rendite her sind die heutigen Kurse nicht mehr zu verantworten." "Eines Tages gibt es ein böses Erwachen." Hier steht Meinung gegen Meinung. Sicherlich ist die deutsche Börse mit dem wachsenden ausländischen Einfluß spekulativer geworden. Aber auch die Ausländer sind auf Gewinn aus. Sie kaufen nicht zu den jetzigen Kursen, um später mit Verlust verkaufen zu müssen. Das wird nur dann der Fall sein, wenn es wieder einmal eine politische Krise gibt. Aber, diese pflegen offenbar schnell vorüberzugehen. Beruhigend ist, daß Lieschen Müller" in diesem Sommer nicht an der Hausse beteiligt ist. Das deutsche Sparerpublikum kauft – wenn überhaupt – sehr besonnen; es freut sich an den steigenden Kursen (wenn es Aktien besitzt). Der Rückschlag im Spätsommer des letzten Jahres hat die hemmungslose Spekulation nachhaltig verschwinden lassen. Kurt Wendt