Von Paul Hühnerfeld

I.

Der Fall beginnt am 4. November 1959: An diesem Tag beantragt der niedersächsische Kultusminister in einem Schreiben an die Bundesprüfstelle in Bonn, Rheingasse 6, die "Druckschrift ‚Die Rechnung ohne den Wirt‘, Verfasser: James M. Cain, Verlag: Ullstein-Bücher (K Nr. 718 )gemäß Paragraph 1 des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften in die Liste der jugendgefährdenden Schriften" aufzunehmen.

Vorausgegangen ist die Veröffentlichung des Romans in der Ullstein-Taschenbuchreihe etwa ein Jahr zuvor. Diese Taschenbuchausgabe ist allerdings nur eine Lizenzausgabe des normalen Buches, das 1950 im Rowohlt Verlag in einer Auflage von 6000 Stück erschienen ist. Die normale Ausgabe ist innerhalb von neun Jahren nicht beanstandet worden.

II.

James M. Cain ist heute für Kenner des Kriminalromans ein Begriff. In der Schule der "Hartgesottenen", deren literarische Höhe mit einem Autor wie Chandler und deren Tiefe durch Spillane gekennzeichnet wird, nimmt er einen respektablen Platz ein. Sein Roman. "Die Rechnung ohne den Wirt" gilt der internationalen Kritik als ein, im Rahmen der Geschichte des modernen Kriminalromans, durchaus beachtenswertes Buch:

Der junge Herumtreiber Frank Chambers landet als Aushilfe bei einem Griechen, der in der Nähe der mexikanisch-amerikanischen Grenze eine Tankstelle und eine kleine Kneipe betreibt. Chambers verliebt sich in die Frau des Griechen, mit einer hemmungslosen, zugleich dumpf-blinden Leidenschaft. Die Frau erwidert Chambers Gefühle; beide beschließen, den Griechen zu beseitigen. Ein erster Mordversuch mißlingt; der zweite gelingt: Chambers und Cora (die Frau) stürzen auf einer Überlandtour den Wagen mit dem vorher betäubten Ehemann einen Abhang hinunter und täuschen, indem sie sich selbst übel zurichten, ein Unglück vor. Trotzdem ahnt der Staatsanwalt die Wahrheit; aber einem skrupellosen Rechtsanwalt, der diese Wahrheit nicht nur ahnt, sondern weiß, gelingt es, einen Freispruch herauszuholen. – Eine Zeitlang leben Frank und Cora nun zusammen, betäuben ihr Gewissen mit Alkohol und Umarmungen. Als Cora ein Kind erwartet, sich schlecht fühlt und Frank mit ihr ins Krankenhaus rast, stürzt der Wagen beim Überholen einen Abhang hinunter. Cora ist tot, Frank kommt mit Prellungen davon. Er wird zum Tode verurteilt, da das Gericht dem Staatsanwalt folgt, welcher behauptet, daß Chambers erst den Griechen und dann dessen Frau ermordete, um eine Versicherungsprämie zu kassieren.