Von Percy Ernst Schramm

Auf die Frage, ob Danzig der Anlaß zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war, erhalten wir jetzt von dem Diplomaten Auskunft, der auf Grund seiner Stellung als Hochkommissar des Völkerbundes in die Verhältnisse in der Freien Stadt, von 1937 bis zum Kriegsausbruch, den besten Einblick besaß –

Carl Jakob Burckhardt: "Meine Danziger Mission 1937–1939"; Callwey Verlag, München; 366 S., 24,– DM.

Der Name Burckhardt allein läßt aufhorchen; denn er bedeutet, daß das Buch die lange Reihe der Memoirenwerke nicht nur um einen weiteren Band vermehrt, sondern daß wir eine historiographische Leistung von besonderem Rang erwarten dürfen.

In der Tat ist aus dem einmaligen Faktum, daß ein Berichterstatter, der Wesentliches über die jüngste Vergangenheit mitzuteilen hat, daß ein erprobter Historiker, daß ein Schriftsteller von Rang ein und dieselbe Feder führten, ein Buch hervorgegangen, dem bleibender Wert gesichert ist.

Wer könnte – um mit dem dritten Vorzug zu beginnen – eine Formulierung wie diese vergessen: "Unbewegliche schwarze Wachen standen auf den Treppenstufen, sie schienen keiner Mutter Söhne mehr, aus der Saat von Ares’ Zähnen mußten sie hervorgegangen sein" – um eine solche Formulierung würde wohl selbst Sir Winston Churchill, der als Schriftsteller durch solche virtuos einprägsamen und zugleich gebildeten Wendungen zu brillieren versteht, den Verfasser beneiden. Dieser Satz steht am Beginn der Schilderung eines Besuches im Konzentrationslager, in dem Burckhardt dem bereits dem Tod entgegentaumelnden Carl von Ossietzky die Grüße seiner Freunde ausrichtet – kein Wort zu viel, zu hoch gegriffen, geschliffen wie eine von einem antiken Autor berichtete Anekdote, aber uns aufwühlend bis ins Innere, weil solches Zutodequälen zu unseren Lebzeiten geschah.

Nur ein überlegener Geist, der viel erlebt und sich zugleich in der Geschichte umgetan hat, ist auch imstande, mit wenig Strichen so deutliche Porträts von Zeitgenossen zu zeichnen, die er im Grund verachtete, aber als Fakten der Geschichte hinnehmen mußte. Für Forster und Greiser, den Danziger Gauleiter und den Senatspräsidenten, die – miteinander verfeindet – Burckhardt abwechselnd das Leben schwer machten, genügen wenige Zeilen, um sie dem Leser leibhaftig vor das Auge zu rücken – wobei ihre Unzulänglichkeit gerade dadurch hervorgehoben wird, daß sie nicht nur Schwarz in Schwarz abgezeichnet werden. Wenige Striche genügen auch für Göring mit dem "eingesunkenen, altweiberhaften und gekniffenen Mund" und für Heydrich mit den "präraffaelischen Händen", die "zum hinauszögernden Würgen" geschaffen zu sein scheinen.