Paris, Ende Juni

Bisher ist über die Verhandlungen zwischen der französischen Regierung und der algerischen Exilregierung nur zweierlei sicher festzustellen. Erstens läßt sich schon jetzt sagen, daß ein baldiges Ende des Algerienkrieges kaum zu erwarten ist. Wenn die Verhandlungen schon nicht abgebrochen werden, so dürften sie doch recht langwierig sein. Das ergibt sich allein daraus, daß bereits die technischen Vorverhandlungen, die ja die eigentlichen Verhandlungen lediglich vorbereiten sollen, so umständlich sind.

Zweitens fällt auf, daß die französische Armee an den Verhandlungen so stark beteiligt ist. Dem zivilen Unterhändler auf französischer Seite steht ein General zur Seite, und über die ersten Stadien der Vorverhandlungen wurde nicht nur dem Premierminister Bericht erstattet, sondern auch General Ely, dem Chef der vereinigten Generalstäbe. Das ist wirklich erstaunlich in einem Lande, in dem bisher so eifersüchtig der Vorrang der zivilen vor der militärischen Gewalt gewahrt wurde. Doch entspricht dies den gegenwärtigen Machtverhältnissen, deren Charakteristikum ja gerade die Sonderstellung der Armee als eines Staates im Staate ist.

Es ist wohl auch kein Zufall, daß General Ely in diesen Tagen erneut in seinem Amt bestätigt wurde, obwohl er schon vor einiger Zeit die Altersgrenze erreicht hat. Dieser zurückhaltende, magenkranke Mann, der das Mehr-sein-als-scheinen zu seiner Maxime gemacht hat, ist seit Jahren der "Patron" der Armee – eine Rolle, die sich der einzige lebende Marschall von Frankreich, Juin, durch sein allzu sprunghaftes Verhalten verscherzt hat. Ely ist einer der Väter der V. Republik; ohne am 13. Mai 1958 offen zu revoltieren, hat er doch die letzte Regierung der IV. Republik durch seine ebenso höfliche wie bestimmte Unterrichtung über die Einstellung des Offizierskorps mit zur Kapitulation bewogen. Er wird nun wohl mit der gleichen Beharrlichkeit darüber wachen, daß in den Verhandlungen dem FLN nichts zugestanden wird, was als eine "Kapitulation" der Armee ausgelegt werden könnte.

Was die Verhandlungen so kompliziert macht, ist der Umstand, daß es ja nur Fraktionen beider Lager sind, die miteinander verhandeln. Ferhat Abbas muß auf den "chinesischen" Flügel des FLN Rücksicht nehmen, der glaubt, man müsse den Krieg unbarmherzig weiterführen, um wirklich die Unabhängigkeit zu erreichen. Der Gehirntrust um de Gaulle der das Selbstbestimmungsrecht für Algerien durchzusetzen sucht, um endlich freie Bahn für seine weit über Algerien hinausführenden Ziele zu gewinnen, sieht sich einer starken Opposition im eigenen Lager gegenüber: jenen Kräften in der französischen Politik, der Verwaltung und der Armee, die jedes Verhandlungsergebnis zu sabotieren versuchen werden, das auf etwas anderes hinausläuft als auf eine bedingungslose Kapitulation des FLN. Der MONDE, der zur Zeit als ein Sprachrohr der Umgebung de Gaulles angesehen werden kann, hat sogar unverhüllt behauptet, auch Premierminister Debré sei zu diesen Kräften zu rechnen. Die Wirtschaftskreise aber, die schon seit langem den Algerienkrieg insgeheim gern liquidieren möchten, haben sich nie durch politische Courage ausgezeichnet.

In dieser heiklen Lage klammern sich die verhandlungswilligen Kräfte auf beiden Seiten an ein paar Faktoren, die auf eine Entspannung deuten. Einer davon liegt sicher in der Person des algerischen Vorverhändlers Bumendjel. Vor wenigen Jahren noch angesehener Rechtsanwalt in Paris, dürfte er, wie wenige andere, die algerisch-französische Symbiose verkörpern. Er ist erst sehr spät zum FLN übergegangen, nachdem sein Bruder in Algerien umgebracht worden war. Aber er hat seine französische Frau, eine Lehrerin, in Paris zurückgelassen, und seine beiden Töchter bereiten zur Zeit in der französischen Hauptstadt ihr Abitur vor. Sogar beim Pariser Advokaten-Orden, dem er angehörte, hat Bumendjel sich seinerzeit von Tunis aus ordnungsgemäß abgemeldet. Tut man das, wenn man nur noch an den Kampf bis zum bitteren Ende glaubt?

Armin Mohler