Von Heinz Stuckmann

Am Dienstag, dem 21. Juni 1960, hatte sich der kaufmännische Angestellte Armin Hary aus Frankfurt am Main zum Mittag mit seiner Freundin Christiane in der Stadt verabredet. Eigentlich wollte er an diesem Tag in Zürich sein. Dort war am Abend ein Internationales Leichtathletik-Sportfest. Aber der Sprinter Armin Hary hatte vom Deutschen Leichtathletik-Verband Startverbot: er sollte sich für Rom schonen. In Zürich dagegen wollte man den Europameister über 100 Meter unbedingt am Start sehen. Den ganzen Vormittag über wird telephoniert. Und Punkt zwölf Uhr ist es erreicht: Hary darf in Zürich starten – am selben Abend um 19.30 Uhr.

Um 13 Uhr fliegt die letzte Maschine nach Zürich. Aber sie ist längst bis auf den letzten Platz gebucht. Wieder endlose Telephongespräche. Ein Passagier – ein Sportenthusiast – tritt zurück. Belohnung: zwei Fußball-Endspielkarten. Mit 45 Minuten Verspätung kann das Flugzeug starten – mit Armin Hary. Das Mädchen Christiane wartet in Frankfurt vergeblich auf ihren Freund.

Rund 14 000 Menschen schauen am Abend um 19.25 Uhr gespannt auf den Startplatz der 100-Meter-Bahn im Züricher Letziggrundstadion. Die Läufer trippeln hinter den Startblöcken. Hary hört noch, wie ihm Martin Lauer zuruft: "Paß auf! Die Starter schießen hier schneller als gewöhnlich ..." Dann kommt das Startkommando, der Schuß. Fast im selben Augenblick ist Hary zwei bis drei Meter vor den anderen. Im Publikum wird gepfiffen. Fehlstart? Der Starter hat nichts gesehen. Hary geht als erster durch das Ziel. Eine Stoppuhr zeigt 9,9 Sekunden an. Die beiden anderen zeigen 10,0 Sekunden. Weltrekord?

Nein, das Schiedsgericht erklärt das Rennen für ungültig: Hary habe "geschoben". Aber muß nicht der Starter entscheiden, ob richtig gestartet wurde, ob der Lauf gültig ist? Fast eine halbe Stunde lang wird erregt diskutiert. Hary protestiert. Dann wird ihm ein zweiter Lauf genehmigt. Neue Schwierigkeit: laut Reglement müssen drei Läufer auf der Bahn sein. Schließlich erklären sich zwei dazu bereit: "Wir laufen mit."

Die Starter werden ausgetauscht. Die drei kauern nieder. Kaum jemand gibt Hary eine Chance. Den Lauf gewinnen – ja, das trauen ihm alle zu, aber noch einmal Weltrekord laufen! Die Aufregung des Mittags und des Abends sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Start – diesmal unzweifelhaft korrekt. Hary ist wieder erster. Zwei Uhren zeigen 10,0 Sekunden, die dritte 10,1 Sekunden, die beiden Reserveuhren stehen auf 10,0 Sekunden. Armin Hary hat den Rekord gebrochen, den bisher fünf Amerikaner, Williams, Murchison, King, Norton und Tidwell hielten. Sie liefen 100 Meter in 10,1 Sekunden. Er erreichte glatte zehn Sekunden – eine Zeit, von der eine ganze Sprintergeneration träumte.

Ein großer Läufer zu werden – das war immer schon Harys Traum. Seit dem 9. Lebensjahr ist er Sportler. Damals trat er dem Turn- und Sportverein in Quierschied bei, einem Städtchen unweit von Saarbrücken. Abend für Abend war er beim Training. Abend für Abend schleppte er seinen Vater mit. Der mußte stoppen. Vater Hary, Bergmann von Beruf, erinnert sich: "Der war schon immer ganz besessen vom Sport..." Mutter Hary erzählt: "Da hat er mal von einem Sportfest das Buch von Heinz Fütterer mitgebracht. Da hat er gesagt: ‚Mutter, lies das mal. So einer werde ich auch.‘ Damals war der Armin 13 Jahre alt. und wir haben alle gelacht. Aber der Fütterer war immer sein Vorbild ..."