H. M., Schnackenburg

Der westdeutsche Zoll war von Bord, der Zonengrenzkontrollpunkt Schnackenburg lag weit zurück. Es herrschte wenig Verkehr auf der Elbe, als in der Nähe der Dömitzer Brücken – deren Fragmente von beiden Seiten an das Fahrwasser heranreichen, gleichsam die Kluft zwischen den Teilen Deutschlands beiderseits der Elbe symbolisierend – ein kleines Polizeischnellboot mit hoher Bugwelle sich dem westdeutschen Schiff näherte. In seinem Heck trug es die schwarz-rotgoldenen Farben mit Ährenkranz und Zirkel.

Das Boot ging längsseits, ein Polizeibeamter kam an Bord und beanstandete – korrekt, aber selbstbewußt –, daß die vorgeschriebene Tauchtiefe überschritten worden sei. Bevor jedoch Strafgelder kassiert werden konnten, rauschte ein zweites Schnellboot heran. In dessen Heck wehte die schwarz-rot-goldene Flagge mit dem Bundesadler. Höflich, aber bestimmt forderte der westdeutsche Zollgrenzdienstbeamte den Sowjetzonen-Grenzpolizisten auf, das Schiff zu verlassen. Widerspruchlos fügte sich dieser.

Das geschah in den letzten Maitagen. Und es war der – vorläufig – letzte Zwischenfall dieser Art. Ebenso wie die vielen vorangegangenen Übergriffe zeigte er die Problematik dieser nassen Grenze zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetzone auf. "Es ist ein ständiges Katz- und Maus-Spiel", sagt der Zollgrenzdienstbeamte, mit dem ich auf dem westlichen Teil der gesprengten Dömitzer Straßenbrücke stehe und mit den Feldstecher das sowjetzonale Ufer absuche. Ein gefährliches Katz- und Maus-Spiel, so scheint es mir, wenn ich an die wilden Beschuldigungen der Zonenpresse wegen angeblicher westdeutsche Grenzverletzungen denke.

94 Kilometer, von Schnackenburg bis Lauenburg, verläuft die Zonengrenze entlang der Elbe. Bei Schnackenburg stößt sie auf das Gebiet westlich des Stromes vor. Hier liegt die westdeutsche Zonengrenzkontrollstelle; rund zwei Kilometer elbaufwärts liegt bei Kummlosen der sowjetzonale Kontrollpunkt. Ein großer Teil des Binnerschiffsverkehrs nach Westberlin und in die Zone sowie fast der gesamte Transitverkehr nach der Tschechoslowakei wird hier durchgeschleust. 63 Schiffe täglich zählt man im Durchschnitt in Schnackenburg.

Seit die Sowjetzone für westdeutsche Schiffe die Wasserstraßenbenutzungsgebühr eingeführt hat, ist damit ein erheblicher Geldumschlag verbunden. Über vier Millionen DM aus Bundesmitteln wurden im letzten Jahr an diesem Kontrollpunkt westdeutschen Schiffern übergeben. Da Schiffer nehmen das Geld in Empfang und zahlen es in Kummlosen als Wasserstraßenzoll an die Sowjetzonen-Behörde.

Auf diesen 94 Kilometern also spielen der westdeutsche Zoll und die sowjetzonale Grenzpolizei Katz und Maus. In seinem nüchternen Dienstzimmer im Hauptzollamt Ülzen erklärt mir Regierungsrat Nering, der Leiter des Amtes, an Hand einer Karte die Lage: "Die Zonengrenze verläuft entlang des sowjetzonalen Ufers. Die Elbe gehört in ihrer ganzen Breite zur Bundesrepublik." "Die Grenzpolizei der Zone patrouilliert also auf bundesrepublikanischem Gebiet?" – "ja." – "Und warum darf sie das?"