Die Bauwirtschaft befindet sich seit Jahren in einer Hochkonjunktur ohnegleichen. Industrie, Handel und Gewerbe, gemeinnützige und freie Wohnungsunternehmen, private Bauherren und nicht zuletzt die öffentliche Hand bauen um die Wette. Allein rund fünf Millionen Wohnungen wurden in den letzten zehn Jahren neu errichtet; etwa die Hälfte davon mit Hilfe öffentlicher Mittel, der Rest mit direkten oder indirekten Steuervergünstigungen. Man hätte also annehmen dürfen, daß alle Bauschaffenden die Verwendung öffentlicher Gelder als Verpflichtung zur Qualitätsarbeit auffassen würden. Leider hat jedoch der Zwang, viel und schnell bauen zu müssen, dazu geführt, daß oftmals nur die große Zahl im Vordergrund stand. Zehntausende von Wohnungen werden, wenn der Wohnungsmarkt in ein paar Jahren sich beruhigt haben wird, kaum noch zu den Kostenmieten loszuschlagen sein. Die Allgemeinheit, deren Steuergroschen in Form "öffentlicher Darlehen" als zweite Hypotheken eingetragen sind, wird das Nachsehen haben.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß viele Architekten dem "Tempo" des Baugeschehens nicht mehr gewachsen sind. Die Entwurfs- und Planungsfehler häufen sich. Dabei ist der Bau von Wohnungen wirklich kein Neuland mehr. Unwahrscheinlich, wie manchmal gegen die Bedürfnisse der Bewohner, vor allem der Hausfrauen, und gegen die einfachsten Regeln der Logik verstoßen wird.

Immer wieder gibt es Fälle, in denen sich Türen und Fenster nur nach der falschen Seite öffnen lassen, Lichtschalter an der verkehrten Seite hinter der Tür angebracht oder Möbelstellflächen durch Heizkörper verbaut sind. Was denkt sich wohl ein Architekt dabei, wenn er den Küchenherd genau dem Fenster gegenüber in die Ecke neben die Tür setzt, eine Lampe über dem Herd aber vergißt?

Die Hausfrau steht sich am Herd selbst "im Licht"; die Küchentür schließt sie am besten hinter sich ab, damit nicht die Kinder beim Öffnen der Tür an die glühende Herdplatte stoßen. Dafür ist dann wieder das Küchenfenster so klein und niedrig, daß der Küchendunst nicht abziehen kann. Im großen Badezimmer ist das Waschbecken winzig, im Schlafzimmer können nur Zwerge wohnen, Kinderbettchen sind überhaupt nicht aufzustellen, aber wenn die Hausfrau unter den Betten fegen will, muß sie Tür und Fenster aufmachen, damit sie Platz für den Besenstiel hat.

Man sage nicht, das sei übertrieben – fast jeder kann in seiner eigenen Neubauwohnung oder bei Freunden und Bekannten ähnliche Mängel feststellen.

Ein besonderes Kapitel ist der unzureichende Schallschutz vieler Neubauwohnungen. Die Klagen darüber reißen nicht ab. Früher, als die Wohnungen noch ausschließlich mit schweren Vollsteinen und Holzbalkendecken gebaut wurden, war das einfach. Durch das große Gewicht und die Bauart war meist schon eine ausreichende Schalldämpfung der Wohnungstrennwände und -decken gewährleistet. Seit Kriegsende aber haben die meisten Wohnbauten Massivdecken und Wände aus leichteren Baustoffen. Bei diesen Bauarten kann der erforderliche Schallschutz aber nur bei Beachtung besonderer Regeln erreicht werden, die für die einzelnen Baustoffe und Bauarten verschieden sind. Namentlich bei den Massivdecken sind zusätzliche Maßnahmen notwendig Bereits Anfang 1952 gibt es keine Entschuldigung mehr für Verstöße dieser Art. Bereits damals wurden nicht nur für alle genormten Wandbaustoffe und die üblichen Massivdecken die erforderlichen Mindestabmessungen und Ausführungen veröffentlicht, sondern auch als baupolizeiliche Richtlinien" für den Schallschutz eingeführt. Die Bauaufsichtsbehörden sind ausdrücklich angewiesen, ganz besonders auf die Einhaltung der vorgeschriebenen Schallschutz-Maßnahmen zu achten. In der Praxis kann es jedoch damit nicht weit her sein. Neulich meinte ein Baupolizist: "Ich bin so mit der Arbeit überlastet, daß ich bei der Baustellenbegehung höchstens feststellen kann, ob das genehmigte Bauvorhaben überhaupt gebaut wurde oder nicht." Kein Wunder, daß die Schallschutzrazzien des Bundeswohnungsministers ein entsprechendes Ergebnis zeigten. Noch im Jahre 1954 wurden, je nach Art der Schallübertragung, in 30 bis 50 vH aller Fälle Verstöße gegen die Schallschutzbestimmungen festgestellt, 1957 immer noch 20 vH der Fälle.

Aber diese Durchschnittszahlen täuschen. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel, dem größten Bundesland mit den meisten Bauvorhaben, wurden nur im Jahre 1956 Prüfungen vorgenommen. Dabei zeigte sich, daß ein ausreichender Trittschallschutz nur bei 46 vH der Wohnungstrenndecken erzielt wurde und der Luftschallschutz an Trennwänden nur bei der Hälfte aller Wohnungen genügte. Besonders schlecht ist es nach wie vor um den Trittschallschutz in Küchen und Badezimmern bestellt.