Von Josef Müller-Marein

Dicke Bücher – so sagt man – haben Erfolg: Dieses hier hat 840 Seiten, und der Verlag hat es in orangenrotem Einband und mit dunkelgrünem Umschlag stattlich herausgebracht. Verschenkt man es, so hat man ein ansehnliches Präsent geboten, ein Präsent für Frauen, in denen womöglich selber ein Gran Ilona steckt –

Hans Habe: "Ilona"; Verlag Kurt Desch, München; 840 S., 24,50 DM.

Es ist in letzter Zeit (auch in der ZEIT) die Rede davon gewesen, wie ein Roman beschaffen sein solle. Ist dabei jemand auf die Idee gekommen, daß es angesichts des modernen Reichtums an formalen und stilistischen Mitteln auch noch die Möglichkeit gibt, einen Roman vorne anzufangen und hinten aufzuhören? Es ist dies eine altmodische, aber herzerwärmende Methode; und sie hat so viele Vorbilder, daß, wer sie nennen wollte, die Hauptwerke der großen Romanciers aufführen müßte. Hans Habe befindet sich also in guter Gesellschaft, zumal er einen Gesellschaftsroman schrieb.

Er verfolgt eine Frau durch ihr ganzes Leben: ein ungarisches Kleinbürgerkind – aus grauer Motte wird ein bunter Schmetterling, der ins Licht taumelt. Man kann nun verdrießlich finden, daß dies Licht ausgerechnet von einem österreichischen Magnaten polnischer Provenienz kommt, einem reichen und reifen Mann, der nur das Unglück hat, in erotischer Beziehung nicht ganz ausgereift und taktfest zu sein. Aber verdammt noch mal: Es scheint, daß die Atmosphäre der alten Donau-Monarchie mit ihrem Oben und Unten und mit allen Verbindungsstücken und mit den Sperren zwischen den Ständen und mit allen Modalitäten, sie zu durchbrechet, eingefangen ist. – Nichts anderes hat der Autor sicherlich gewollt. Es kommt auch ein Gespräch der kleinen Ilona mit dem Kaiser Franz Joseph vor, der zu sagen pflegte: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut", wie man dies schon aus der Operette "Ein Walzertraum" weiß. Mit diesem Zitat soll beileibe die Operette nicht mit dem Roman verglichen werden, nicht Habe mit Oscar Straus, obwohl mal dem einen wie dem anderen Einfallsreichtum nachsagen kann und die Kunst, mit aller Leichtigkeit große Szenen aufzubauen, in denen trotz dem Aufwand an Dekoration Echtes und Wahre; steckt.

Der Zufall will es, daß ich ein paar jener Taktstockvirtuosen ziemlich genau kennengelernt habe wie Habe einen beschreibt, weil seine Heldin Ilona den Fürsten mit einem solchen betrügt und ihm durch die Konzertsäle und Hotelappartements aller Kontinente folgt. Das glitzert wie Talmi, dies Frack-Leben, glitzert auf dem gesunden Untergrund der Kunst, und so – mit Respekt und Spott – hat Habe es beschrieben. Und weil ich weiß, daß es "Auserwählte" dieses Schlages genau nach der Schilderung Habes gibt, glaube ich ihm auch die Verhaltensweise der übrigen ins Große strebenden Personen, mit denen Ilona zu tun hat, zuletzt mit ihrem Gatten, einem Verleger, mit dem sie nach Amerika emigriert und nach dem Kriege zurück nach Europa gekommen ist – nach München.

Da sitzt sie – jetzt alt, aber immer noch schön und charmant, vernünftig, tätig, nicht ohne Humor. Sie denkt an ihr Kind, das aus unehelicher. Liebe zu einem ungarischen Grafen-Leutnant das Licht der Welt erblickt hat, aber dadurch ehelich geworden, daß, der Fürst Und große Gönner einen armen, leichtsinnigen Baron gefunden hatte, der platonischen Gemütes und gegen Geld, mit ihr, der Hochschwangeren, zum Altar getreten war. Daß einer sich damals hergab zu solchem Manöver, hindert nicht, daß eben dieser ein mit großer Präzision gezeichneter alter Bursche ist, geeignet, viel Sympathie zu erwecken.