Der attische Held Akademos, der den Dioskuren das Versteck der von Theseus entführten Schwester Helena wies und nach dem die Athener einen Hain – genauer: einen Sportplatz – außerhalb ihrer Stadt nannten, auf dem später Platon mit seinen Schülern zusammenkam – dieser Akademos dürfte sich in den eleusischen Gefilden einigermaßen wundern über die seltsame Geschichte, die sein Name seither durchgemacht hat. Und die fünf westdeutschen Akademien wiederum, die in Berlin, Hamburg, München, Mainz und Darmstadt, teilweise Körperhaften des öffentlichen Rechts, teilweise eingetragene Vereine, sind jener Institution recht unähnlich, die Leibniz vorgeschwebt hatte, auf dessen Anregungen 1696 die erste deutsche Akadenie der Wissenschaften gegründet wurde: eine ‚Societät zur Erkenntnis und zum Preise Gottes", eine streng hierarchische und universale Ordnung dies Geistigen, zusammengesetzt aus Priestern oder Sängern), Naturphilosophen (den Theoretikern) und den Vertretern politischer Macht...

Die Geschichte des Wortes wie der Institution "Akademie" ist abenteuerlich genug. Die populäre Vorstellung von einer Akademie meint in Deutschland gegenwärtig einerseits die Hochschulen für die bildenden Künste, zum anderen verschwiegene gelehrte Gremien, ehrwürdig, ein wenig zu ehrwürdig vielleicht, so streng verschlossen wie die Fassade des alten Gebäudes der ehemaligen Preußischen Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Das Haus, in dem sich 1955 die Westberliner Akademie – als Gegenstück zur Ostberliner – etablierte, war eine stille Dahlemer Villa. Am 18. Juni nun ist sie umgezogen, in einen Bau, der die bisherigen volksläufigen Voritellungen schnell berichtigen wird.

"Die erste Akademie aus dem Geist des 20. Jahrhunderts" nannte Willy Brandt in seiner Eröffnungsansprache das neue Gebäude im Berliner Tiergarten, am Rand des Hansaviertels, das der Akademie und den Berlinern durch ein großzügiges Geschenk des Deutschamerikaners Henry H. Reichhold in den Schoß fiel (" ... wie ein Wunder", sagte Präsident und Architekt Professor Hans Scharoun). Werner Düttmann, der Architekt dieses Projekts, baute ein weitläufiges, dreigeteiltes Gebäude: einen flachen, hellen Mitteltrakt mit Foyers und Ausstellungsräumen, die einen Skulpturenhof umschließen, ein hohes, blaugraues Verwaltungsgebäude und einen spitzgiebeligen Theatersaal aus roten Ziegeln und Kupferplatten. Würdig das alles, aber von einer aktiven und ungewundenen Würde.

"Gewächshaus", so zitierte Willy Brandt aus der Lokalzeitung "BZ", hätten die "schnoddrigen Berliner" das neue Haus getauft (möge es also wachsen und gedeihen) – und das Ehrenmitglied Theodor Heuss setzte hinzu: "Ich weiß aber noch etwas ganz anderes: Kunstspinne" (ein höchst kunstfertiges Tier).

Was haben die fünf Sektionen der Akademie (bildende Kunst, Musik, Baukunst, Dichtung und darstellende Kunst) bisher – gesponnen? Eine Reihe von Ausstellungen (Mexikanische Kunst, Le Corbusier, Georg Kaiser); wesentlich auf ihre Initiative geht die Aufführung des Hindemith-Benn-Oratoriums "Das Unaufhörliche", die Aufführung der Schönberg-Oper "Moses und Aron" zurück; zwei Schriftenreihen gibt die Akademie heraus, an der Gesamtausgabe der Werke ihres ehemaligen Mitgliedes Gottfried Benn ist sie beteiligt, und in absehbarer Zeit soll eine Georg-Kaiser-Gesamtausgabe erscheinen – übrigens gleichzeitig drüben in Ostberlin, denn man hält nichts von eifersüchtigem Totschweigen der anderen, der Ostberliner Nachfolgeorganisation der alten Preußischen Akademie. Diese Liste ist keineswegs vollständig – und an Plänen für die Zukunft mangelt es nicht.

Auf jeden Fall hat das neue Haus die Akademie auf ungewöhnliche Weise in die Öffentlichkeit gerückt. Es fordert sichtbare und wirksame Betätigung – und die braucht Geld. Der Berliner Senat hat es sich bereits etwas kosten lassen, doch eigentlich hoffte man auf eine Stiftung aus privaten Mitteln. Die neuen kulturellen Zentren Westberlins wurden ja überwiegend mit amerikanischen Mitteln errichtet: die Zentral-Bibliothek, der Henry-Ford-Bau der Freien Universität, das Studentendorf, die Kongreßhalle. Dabei soll doch auch in der Bundesrepublik nicht jedermann ein armer Schlucker sein ... O. E. Z.

Aufn.: Ilse Buhs (3), Conti