Wer könnte je die dunklen Tage von 1945/46 vergessen, da Millionen von Menschen heimat- und ziellos über die Straßen Deutschlands wanderten und jeder Mann und jede Frau anstatt ans Essen, angstvoll an Kalorien dachte: Würde es zum Überleben reichen? Jene Tage, da diejenigen, die voller Verzweiflung und Ungeduld Jahr um Jahr auf das Ende der Herrschaft Hitlers gewartet hatten, erkennen mußten, daß die Sieger nicht die Baumeister waren, die der heimkehrenden Gerechtigkeit neue Wohnungen hätten bauen können!

Damals kam ein Mann nach Deutschland, der anders war als alle andern, die über den Kanal gekommen waren. Ohne Hut und Mantel war er von morgens bis abends unterwegs. Er ging durch die Straßen, in die Flüchtlingslager. Er blickte in die ungeheizten Gasthäuser und in die zerbombten Büros. Er sprach mit vielen, vielen Menschen und wußte bald sehr viel besser als die CCG (Control Commission for Germany), was in Deutschland geschah. Diese Behörde atmete denn auch erleichtert auf, als der Plagegeist Victor Gollancz endlich abreiste. Die Mitglieder dieser Behörde, sie steckten dann wütend die Köpfe zusammen, als bald darauf sein Buch erschien "In darkest Germany", in dem unter anderem eine Menü-Karte mit vier oder fünf Gängen eines Diners der CCG abgedruckt war, zugleich mit den offiziellen deutschen Rationen, die damals das "Existenzminimum" bezeichneten ...

Ein Jahr später, noch ehe Churchill seine berühmte Straßburger Rede hielt, die allgemein als Beginn der Europa-Bewegung angesehen wird, rief Victor Gollancz zusammen mit Lyonel Curtis zu einem Unternehmen auf, das sie "Save Europa now" nannten und das praktische Hilfe für die europäischen Länder auf dem Kontinent organisierte.

Wann immer man Victor Gollancz in seinem Büro in der Henrietta-Street Nr. 14 in London besucht, immer sieht man ihn voller Pläne. Immer ist er mitten in einer Aktion, die gegen die Mächtigen und für die Schwachen kämpft. Zur Zeit des jüdisch-arabischen Konfliktes gründete er, der ein Christ, aber jüdischen Ursprungs ist (und, wie ein Brief an die Times zum Fall Eichmann zeigt, sich nicht die Maximen des Alten, sondern des Neuen Testaments zu eigen gemacht hat), die Hughes Society for Newman Services, die in erster Linie den arabischen Flüchtlingen Hilfe leistete. Ein andermal war er ganz in Anspruch genommen von dem Kampf gegen die Todesstrafe. Und im Dezember 1956 gehörten all seine Gedanken den Ungarn, und sein flammender Zorn galt Eden und dem Suez-Abenteuer.

In all diesen Jahren hat sich sein Büro nicht verändert, obgleich der Gollancz-Verlag heute zu den größten Verlagen Englands gehört: Man windet sich durch die Lastwagen, die die Henrietta-Street verstopfen, stolpert über Obst- und Gemüsekisten, erreicht mit Mühe die Tür des Hauses Nr. 14, geht durch einen schmalen Gang, dann eine windige Stiege hinauf. Und dort oben, in einem niedrigen, nicht eben hellen Raum, der zu Dickens Zeiten bestimmt nicht anders ausgesehen hat, sitzt er, der immer lebendige, immer lustige Victor Gollancz, zum Bersten vollgestopft mit Geschichten und Plänen, mit Freude, Ärger und Anteilnahme.

Ein Kompliment dem Stiftungsrat, der diesem Mann den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1960 überreichen will! Ein herzliches Willkommen für Victor Gollancz! Er soll sicher sein, daß viele Leute in diesem unserem Lande sich seiner in Dankbarkeit und Bewunderung erinnern und sich auf ein Wiedersehen freuen!

Marion Gräfin Dönhoff