v. L., München

Mein Antlitz ist geschändet“, murmelte Werner Friedmann, ehedem Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, als er am Freitag letzter Woche den Münchner Justizpalast verließ. Unmittelbar vorher war er wegen eines Vergehens der Anstiftung zur fortgesetzten Kuppelei zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die gleiche Strafe erhielt der Kuppler, der Journalist Siggi Sommer.

Wochenlang wurde von der „Affäre“ gesprochen, nicht nur in München. Friedmann, so wurde geraunt, sei ein Opfer seiner politischen Gegner geworden, denen es nach jahrelangen Anstrengungen endlich gelungen sei, ihn, das „Sprachrohr Süddeutschlands stolpern zu lassen. Werner Friedmann habe es verstanden, seine Unabhängigkeit zu wahren, er habe sich niemandem gebeugt und sei eine starke Persönlichkeit gewesen, die lediglich über ein „Kavaliersdelikt“ zu Fall gebracht werden konnte.

Gerade dieses „Kavaliersdelikt“ offenbart indessen, daß es mit Friedmanns Unabhängigkeit und Persönlichkeit nicht so sehr weit her war. Sein Aufstieg verlief kometenhaft: Der frühere Lokalreporter wurde Mitherausgeber der „Süddeutschen Zeitung“, später ihr Chefredakteur. Er machte ein Blatt, das Ansehen genoß über Bayerns Grenzen hinaus. Er avancierte zum Gesellschaftslöwen, aber die jungen Damen, die seine Gunst genießen durften, waren nicht so, daß er sich mit ihnen in der Öffentlichkeit gezeigt hätte. Er legte sich einen Rennstall zu, aber benutzte, die Wohnung eines Angestellten als Absteige.

Die Gefängnisstrafe und damit seinen Ruin trug Friedmann ausschließlich seine übertriebene Sparsamkeit ein, die übrigens von den Redakteuren und Mitarbeitern der „Süddeutschen Zeitung“ seit jeher lebhaft beklagt wird. Der mehrfache Millionär scheute zu lange die Monatsmiete für ein Appartement. Als er sich endlich eine sturmfreie Bude besorgte, war schon jahrelang – „fortgesetzt“ – gekuppelt worden. Werner Friedmann wurde kein Opfer seiner Gegner, sondern seines eigenen Geizes.

Was nun die Gegner anbetrifft, so ist wahr, daß es zwischen der CSU und dem Chefredakteur häufig zu Reibereien gekommen war, als die Süddeutsche Zeitung in Fragen der Wehrpolitik eine Haltung vertrat, die dem Bundesverteidigungsminister alles andere als genehm war. Allein, Jesco von Puttkammer, gegen den sich die Strauß-Aversion vor allem richtete, wechselte zum Vorwärts. Sein Nachfolger als Wehrpolitiker der Süddeutschen Zeitung wurde Ernst Bäumler, ein guter Bekannter von Strauß und häufiger Gast in dessen privaten Räumen. Bäumler setzte denn auch durch, daß das Blatt sich weitgehend zu den Ansichten des Verteidigungsministers bekannte. Damit war für die CSU in ihren Beziehungen zu Friedmanns Zeitung ein Optimum erreicht – mehr war nicht herauszuholen, schon gar nicht durch Friedmanns Sturz.

Denn Bäumler war auch sehr eng mit Friedmann befreundet, und jede Aktion gegen den Chefredakteur mußte über kurz oder lang auch ihn treffen und damit das gute Verhältnis zwischen Strauß-Politik und „Süddeutscher Zeitung“ in Frage stellen. Tatsächlich riß Friedmann Bäumler mit sich. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt ihn jetzt der Kuppelei, und das Blatt sucht einen neuen Wehrpolitiker.