Indizienbeweis im Pohlmann-Prozeß

G. Z., Frankfurt

Im Frankfurter Landgericht verhandelt bei drückender Sommerhitze das Schwurgericht, um Licht in das Dunkel um den Tod der Rosemarie Nitribitt zu bringen. Doch was den drei Richtern und sechs Geschworenen zu schaffen macht, ist nicht allein die unerträgliche Hitze im Schwurgerichtssaal, es ist die Verantwortung für das Recht, das sie bedrückt. Der neununddreißig Jahre alte Handelsvertreter Heinz Pohlmann, angeklagt des Raubmordes, streitet hartnäckig die Tat ab. Aber die Anklage sagt: "Das ist der Mörder!"

Richter und Geschworene stehen also vor einer schweren Aufgabe. Sie müssen entscheiden, ob der Indizienbeweis der Staatsanwaltschaft stichhaltig ist. Im Gegensatz zum "natürlichen Beweis", wo meist nur einige wenige Tatsachen zu prüfen sind, geht es beim Indizienbeweis fast immer um eine große Zahl von Einzelheiten, die ermittelt und zum Mosaik des Schuldbeweises zusammengesetzt werden müssen. Mit der größeren Zahl der zu untersuchenden Tatsachen wächst aber auch die Gefahr des Irrtums. Und dabei sind es meist Tatsachen, die nach außen hin in keinem Zusammenhang zum Verbrechen stehen. Wie sollen sich heute Zeugen daran erinnern, welchen Anzug Pohlmann am 29. August 1957 trug? Niemand, der ihn an diesem Tage traf, hatte doch Veranlassung, sich das besonders einzuprägen.

Der Pohlmann-Prozeß zeigt noch eine weitere Gefahr: Die Suggestivkraft der Anklageschrift. Hier ist im Grunde die schwierige und komplizierte Operation des Indizienbeweises bereits vorexerziert. Die Staatsanwaltschaft setzt die einzelnen Tatsachen so zusammen und bewertet sie so, daß die Schuld des Angeklagten als bewiesen erscheint. Pohlmann war am Tage des Mordes in der Nitribitt-Wohnung in der Stiftstraße. Nachdem er sich jahrelang in chronischen Geldnöten befand, bezahlte er wenige Tage nach dem Mord einen großen Teil seiner Schulden. Die Staatsanwaltschaft folgert daraus: Er ist der Täter. Und alle anderen Tatsachen, die diese Behauptung stützen können, werden in der Anklageschrift in logischer Ordnung vorgelegt.

Gewiß geht der Richter unvoreingenommen in die Hauptverhandlung. Und sicher ist er auch fest entschlossen, nicht nur die Indizienkette der Staatsanwaltschaft zu prüfen, sondern auf eine andere Ausdeutung der Tatsachen zu erwägen, Nicht anders geht es den Geschworenen, die noch dadurch im Vorteil sind, daß sie die Ermittlungsunterlagen nicht kennen. Aber die Kombinationen der anklagenden Staatsanwaltschaft können den Weg der Beweisaufnahme und der Beweiswürdigung schon vorzeichnen. Hier steht ein imposantes "Gedankengebäude", sorgfältig auf Einzelindizien aufgebaut. Und nicht nur der in dieser Art des Beweisverfahrens unkundige Geschworene, sondern auch der erfahrene Richter kann leicht der Versuchung erliegen, sich diesem fertig gelieferten Denkschema anzupassen.