London, Ende Jun

Die von den britischen Währungsbehörden verkündeten neuen Konjunkturdämpfungsmaßnahmen haben in der City scharfe Kritik abgelöst. Die den öffentlichen Investitionen angelegte Bremse wird erst im kommenden Haushaltsjahr wirksam werden; möglicherweise erweist sie sich dann als falsch. Die Diskonterhöhung von 5 auf 6 vH wiederum kam keineswegs als Blitz aus heiterem Himmel. Sie lag gewissermaßen "in der Luft", war am Rentenmarkt auch schon weitgehend antizipiert worden (von der 3 1/2prozentigen Kriegsanleihe und den 2prozentigen Consals mit einer Rendite von mehr als 5,75 vH). Daß die Heraufsetzung des offiziellen Diskontsatzes mit einem Gesuch an die Clearing-Banken gekoppelt wurde, die beim Noteninstitut zu hinterlegencen "Sonderdepositen" auf 2 vH der Bruttoeinlagen zu verdoppeln, wirkte dagegen auf viele als Schock.

Freilich hatte seinerzeit der Radcliff-Bericht über die britische Geldpolitik vorausgesagt, daß das vor zwei Monaten eingeführte Instrument der "Sonderdepositen" drastisch gehandhabt werden müsse. Auf der anderen Seite mehren sich die Anzeichen dafür, daß – unter der im April verfügten Ratenzahlungs-Regulierung – der Absatz dauerhafter Konsumgüter ins Stocken gerät und auf allen Handelsstufen der Prozeß der Lagerräumung anläuft.

Hier und da in der City war infolgedessen erwartet worden, der Schatzkanzler und die Bank von England würden die Diskussion über ein weiteres Anziehen der Kreditschraube bis zum Herbst zurückstellen. Daher ist nun die Sorge laut geworden, die letztwöchige erneute Geldverteuerung und -verknappung könnte in ihren Wirkungen drastischer sein, als es die Situation erfordert.

Die Regierung hat inzwischen ihrem Vertrauen Ausdruck verliehen, daß die neuen Maßnahmen die primäre Aufgabe des Zahlungsbilanz-Ausgleichs bestens erfüllen würden. Die Wirtschaft werde sich an eine in Zukunft schnellere Folge von Diskontänderungen und sonstigen Steuerungseingriffen gewöhnen müssen. Die nächste Korrektur des wirtschaftspolitischen Kurses dürfte eher eine monetäre Lockerung als ein weiteres Straffen der Zügel bringen.

Bis dahin mag noch einige Zeit vergehen. Denn die angeschwollene Verbraucher-Nachfrage hat sich nicht gesamthaft vermindert, sondern einstweilen nur von den Kühlschränken, Autos und Waschmaschinen hinweg in andere Bereiche verlagert. Nach wie vor geht vom heimischen Markt ein starker "Einfuhr-Sog" aus, so daß bei tendenziell schrumpfenden Exporten die Handelsbilanz im Mai mit einem Defizit von nicht! weniger als 82 Mill. Pfund abschloß. Wenn das Pfund nicht unter spekulativen Druck geraten ist, so wirken die deutschen Aufwertungsgerüchte trotz Dementis doch als starker Magnet auf britische Gelder.

Unter diesen Umständen hat die Börse zunächst mit allgemeinen kräftigen Kursrückgängen reagiert, den ersten Schock aber dann schnell überstanden. Solange sich die Wirkungen nicht besser erkennen lassen, die von der Diskonterhöhung (und dem verschärften Zugriff auf die Bankenliquidität) auf Unternehmensgewinne und Dividenden ausgehen, dürfte aber kaum mit einer nachhaltigen Erholung der Kauftätigkeit zu rechnen sein. Andererseits ist auch keine eigentliche Baisse zu befürchten. Robert Niehaus