Der Kanzler und der Graben zwischen den Parteien

Der Kanzler war es, der darauf bestand, daß die für den 30. Juni geplante außenpolitische Debatte im Bonner Parlament auch wirklich stattfinden sollte, obwohl gerade zuvor sowohl Politiker der Regierungs- als auch der Oppositionsparteien ihr Desinteresse bekundet hatten. Wozu auch? Hatte Chruschtschow, als er die Gipfelkonferenz auffliegen ließ, nicht auch den Bonner Parlamentariern auf allen Plätzen des Bundeshauses klargemacht, daß die Periode der Friedensbeteuerungen wieder einmal zu Ende sei?

Sogar die wütendsten Gegner Adenauers begriffen, daß die Abneigung des Kanzlers gegenüber den Sowjets und ihrer Politik nichts war im Vergleich zur Härte, mit der Chruschtschow (aus welchen – vielleicht auch innenpolitischen oder "blockbedingten" – Gründen immer) gegen den Westen vorging, wobei er nie vergaß, die Bundesdeutschen und zumal den Lenker ihrer politischen Geschicke noch extra zu attackieren. Das wischt die Binden von den Augen, macht die Blicke klarer und schafft unwillkürlich Solidarität – schafft Solidarität mit dem Kanzler sogar bei denen, die gewohnt sind, seiner Partei zu mißtrauen.

Nicht nur ein Wahltrick

Ein Effekt, der vielleicht nur psychologisch zu erklären ist: Adenauer – nicht nur mächtiger Chef einer erfolgreichen, aber ihm allzu willfährig erscheinenden CDU, nicht nur meisterlicher Taktiker eines manchmal undurchsichtigen Spiels, sondern zugleich: Symbolfigur des deutschen Schicksals in der Mitte dieses Jahrhunderts, stellvertretend auch für jene Deutschen, die hinter dem Eisernen Vorhang wohnen.

Es ist also keinesfalls nur so, daß der Ruf der SPD nach einer gemeinsamen Außenpolitik als ein – am Ende noch mit polemischen und vorwurfsvollem Ausdruck vorgetragenes – Eingeständnis bisheriger politischer Fehlurteile gewertet werden muß, auch nicht ausschließlich als ein "Trick", zukünftig mehr Wählerstimmen zu gewinnen. Es gibt vielmehr einen Punkt, in dem Chruschtschow, als er den Westen attackierte, und speziell den deutschen Bundeskanzler, (obwohl dieser doch bei der Pariser Gipfelkonferenz ja nicht so sehr im Spiele war), jeden Deutschen beleidigt hat – auch den denkbar energischen Sozialdemokraten, der mit Adenauer nie gut Freund war.

Sah Adenauer diese Situation? Wollte er sie sehen?