In Israel hört man die ersten Eich mann-Witze – Marlene Dietrich singt, und es gibt viele Tränen

Von Egon Vacek

Tel Aviv, Ende Juni

Herrn Adler waren in Tel Aviv zunächst die Kinder nachgelaufen. Er hatte Deutschland in den dreißiger Jahren verlassen müssen, seine Heimat und das Restaurant, das er dort betrieben hatte. Im Fluchtgepäck aber war der Lodenanzug des passionierten Jägers zum "Frühlingshügel" – wie Tel Aviv auf deutsch heißt – mitgewandert. Herr Adler gründete dort das erste Kellerrestaurant, den "Rishon-Keller" und zog in seiner Freizeit auf die Jagd. Trotz der Hitze im Lodenanzug. Da liefen ihm die Kinder nach.

Als ihn der israelische Rundfunk jetzt interviewen wollte, da mußte die Sendung in letzter Minute abgesagt werden: Herr Adler spricht nämlich nur sehr mangelhaft hebräisch, obwohl er schon 25 Jahre im Lande ist. Er spricht deutsch, und das hört man in diesen Tagen nicht so gern in Tel Aviv. Herr Adler hat miterlebt, wie das Land zu einem Staat wurde. Er liebt seine neue Heimat, er kennt hier alles und jeden.

"Was", so frage ich Herrn Adler, "soll ich mir in Israel ansehen?" Und ohne zu zögern antwortet er: "Natürlich unser Symphonieorchester. Nirgendwo in der Welt werden Sie solche Streicher finden. Es sind natürlich alles Deutsche. Aber ich verspreche Ihnen eine Sensation: Unsere Bläser sind jetzt auch Weltklasse. Seien Sie ehrlich, können Sie sich einen Juden vorstellen, der Trompete bläst? Jetzt blasen die Juden auch Trompete – und wie gut! Ja, es hat sich hier manches geändert."

Auf der Allenbyroad promeniert die Jugend Israels. Große, sonnengebräunte, muskulöse Figuren – die Jungen; schöne Gesichter und wippende kurze Röcke – die Mädchen. Sabras nennt man sie hier, diese im Lande Geborenen, die Emigration, Austreibung und Ausrottung nur aus den Erzählungen der Alten kennen. Sabra heißt die Frucht des Kaktus in der Wüste Negev: Außen mit harter Schale und stachelig, innen aber weich und süß.