Z-r, Berlin Das kleine Mahagonny", mit den Texten von Bertolt Brecht und der Musik von Kurt Weill, ist die Spottkantate von den Ganoven, die sich eine Schlaraffenstadt erträumen, in der Whisky und Bier reichlich fließen und auch die Liebe keine zimperlichen Rücksichten zu nehmen braucht. Die Musik: halb Tingeltangel, halb Oratorium, beides jedenfalls gehörig parodiert.

Es ist nicht leicht, wenn es nicht gar unmöglich ist, für so etwas heute einen Aufführungsstil zu finden. Einstudierte Spontaneität wäre der eine Ausweg – in Berlin nahm man es dagegen bitterernst. Das Radio-Symphonie-Orchester war im Frack und in steifen Hemden auf der schmalen Bühne der funkelnagelneuen Akademie der Künste erschienen, der Anlaß war doppelt respektabel (die Eröffnungsfeierlichkeiten der Akademie, die Herausgabe einer gelahrten Kurt Weill-Bibliographie), die Rockschöße des Dirigenten flatterten, und im lyrischen Belcanto sangen die Solisten Von ihren Notenblättern ab: "Oft show us the way to the next whisky-bar..."

Da war keine Spur von Improvisation mehr, wie sie diese Musik eigentlich verlangte, alles verlief wie geölt – aber es war so, daß es einem einige Angst einjagte vor unserem allzu glatten Perfektionismus. Daß die persiflierten Halbwelthelden heute befrackt erscheinen, Belcanto singen und säuberlich bibliographiert werden, ließe sich freilich auch ironisch verstehen, aber beabsichtigt war eine solche Ironie wohl nicht.

Und dann, verflog der Spuk mit einem Mal: Lotte Lenya,Weills heute in New York lebende Witwe, unvergessen in Deutschland, wo sie zwölf Jahre lang offiziell als "entartet" galt, sang nach langer Zeit wieder vor den Berlinern – einige der alten Songs und die "Sieben Todsünden". Ihre glasklare Stimme ist ein wenig nachgedunkelt, aber das bekommt ihr gut, jedesmal scheint sie reifer und ausdrucksvoller.

Sie trat auf die Bühne. Und ging wieder ab. Es hatte nicht geklappt. "Ich muß noch mal anfangen!" – während die Symphoniker diskret die Ballade von Mackie Messer intonieren. Da schmolz alle Eis. Neben ihrem Charme, ihrem Temperament und der Autorität, mit der sie diese Songs vorträgt, die so offenbar ihre Songs sind, wurde alles andere unwichtig.

Als Zugabe sang sie den Bilbao-Song aus dem Brecht-Weil’schen Musical "Happy-End":

Bills Ballhaus in Bilbao, Bilbao, Bilbao, heute ist es renoviert so auf dezent...