Carstens wird Staatssekretär

R. S., Bonn, Ende Juni

Wieder soll die Spitze des Auswärtigen Amtes umgestaltet werden. Der Versuch Brentanos hat sich nicht bewährt: Die "Dreieinigkeit", wie man scherzhaft jenes Experiment nannte, den Staatssekretär durch zwei Ministerialdirektoren mit "Gefahrenzulage" für das Amt, aber ohne den Titel eines Unterstaatssekretärs, zu entlasten, funktionierte nicht. Es lag nicht an den Personen (van Scherpenberg, Dr. Dittmann und Knappstein sind hervorragend qualifizierte Beamte). Es lag an der Konstruktion. Die Dreiteilung erschwerte den Arbeitsgang, und am Ende gab es für jeden eher mehr als weniger Arbeit.

Wie Hamburger Prinzipale

Fortan sollen sich zwei Staatssekretäre in die administrative Leitung des Amtes teilen. Das ist eine für Deutschland neue Regelung. Es hat sie im Auswärtigen Amt bisher nicht gegeben, weder in der Weimarer Republik noch im Kaiserreich. Es steht zwar noch nicht fest, wie man die Arbeitsbereiche zwischen den beiden Staatssekretären abgrenzen will. Wie immer aber der Trennungsstrich gezogen wird, es wird fast an jeder Frage jeder der beiden Staatssekretäre interessiert und beteiligt sein. Diese Lösung kann also nur dann Erfolg haben, wenn die beiden Staatssekretäre eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Manche Prinzipale in Hamburg haben eine solche Zusammenarbeit mit Erfolg vorexerziert. Etwas von einer solchen Atmosphäre wird in die beiden Spitzenbüros des Auswärtigen Amtes eindringen müssen, damit die Sache klappt. Freilich sind es in Bonn nicht Prinzipale, sondern sozusagen gehobene Prokuristen, und da wird die Sache schwieriger.

Der Mann, der zum zweiten Staatssekretär ernannt werden soll: Ministerialdirektor Carstens bringt gute Voraussetzungen für eine sachlich und menschlich ersprießliche Zusammenarbeit mit van Scherpenberg mit. Carstens hat die nüchterne Art, Beobachtungen zu machen, und die knappe Weise, ihnen Ausdruck zu geben, wie sie Rechtsanwälten oft eigen ist. Er ist gebürtiger Bremer. Dort war er bis 1949 Rechtsanwalt. Dann holte ihn der Bremer Senat in seinen Dienst. Fünf Jahre vertrat er das Land Bremen als Bevollmächtigter beim Bund. Dabei ging es um nüchterne Dinge: Kanalisierung und Vertiefung der Weser und immer wieder um Schiffe und Fische (Bremerhaven ist der größte Fischumschlagplatz auf dem Kontinent). Carstens kam in dieser Stellung aber auch mit der hohen Politik in Berührung. Senatspräsident Kaisen, dessen starke, menschlich so überaus sympathische Persönlichkeit auf den sehr viel jüngeren Carstens einen unverwischbaren Eindruck machte, nahm ihn auf eine Amerikareise mit, auf der sich der Präsident des Bremer Senats mit Erfolg um die Beseitigung der Beschränkungen der deutschen Schiffstonnage bemühte.

Dann war Carstens ein Jahr ständiger Vertreter der Bundesrepublik beim Europarat in Straßburg. 1955 wurde er (er war damals erst 40 Jahre alt) als Stellvertreter Grewes ins Auswärtige Amt geholt. Dort arbeitete er sich immer mehr in die europäischen Integrationsprobleme ein. Als Grewe den Botschafterposten in Washington übernahm, wurden im Auswärtigen Amt drei politische Abteilungen geschaffen. Eine von ihnen, die Europa-Abteilung (West-Abteilung 2), leitete nun Carstens. Er wirkte maßgeblich an der Vorbereitung der Verträge über die EWG und Euratom mit. Er erwies sich als ein geschickter, zäher Unterhändler. Sein konsequentes Eintreten für die Integrationspolitik gewann ihm das besondere Vertrauen des Bundeskanzlers.