ch. b. Berlin, Ende Juni

Die eine Seite der kreisrunden Plakette zeigte eine stilisierte Ansicht des Erfurter Domberges, auf der Kehrseite waren die Initialen CDU nebst Friedenstaube und dem Sinnspruch "Ex Oriente pax" zu erkennen: Es war das Abzeichen der rund zwölfhundert Delegierten, die sich Ende der vergangenen Woche in Erfurt zum 10. Parteitag der Christlich-Demokratischen-Union (Ost) versammelt hatten. Der Termin dieses Treffens war sorgfältig ausgewählt: Vor fünfzehn Jahren, am 26. Juni 1945, war der "Aufruf der Christlich-Demokratischen Union" in Berlin veröffentlich worden.

Aus dem Chaos von Schuld und Schande – so hieß es damals – könne eine Ordnung in demokratischer Freiheit nur entstehen, "wenn wir uns auf die kulturgestaltenden sittlichen und geistigen Kräfte des Christentums besinnen und diese Kraftquelle unserem Volke immer mehr erschließen".

Von diesem Weg allerdings kam die Zonen-CDU bald ab. Schon bei den Wahlen im Oktober 1950 warb der "Vater und Lehrer der Partei" Otto Nuschke für die Einheitsliste und verkündete: "Die CDU hat den Schritt in den Sozialismus bewußt mitgetan. Sie hat damit den Anschluß an die Erneuerung der Welt im Geiste des Sozialismus gefunden."

Praktisch war damit der Anschluß an die SED gemeint – wenigstens soweit es die Spitzenfunktionäre betraf. Die Mehrheit der Unionsfreunde, wie sich die Parteimitglieder nennen, hatte den Anschluß an die kommunistische Staatspartei sicher nicht gewünscht. Denn die CDU war – genau wie die Nationaldemokratische und Liberaldemokratische Partei – lange Zeit Zufluchtstätte für jene Menschen, die ihren Vorbehalten gegenüber dem Marxismus einen, wenn auch nur bescheidenen Ausdruck verleihen wollten.

Freilich gehört die CDU damit auch zu jenen Organisationen, die am stärksten unter der Abwanderung ihrer Mitglieder zu leiden hatten. Ihr Mitgliederbestand, der einmal die 220 000-Grenze erreicht hatte, ist längst zusammengeschrumpft. Die führenden Politiker aus der Gründungszeit, die in der Sowjetzone geblieben sind und ihre Funktionärswürden behalten haben, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen.

Die eigentlichen Manager der Partei sind jetzt jene Männer, die von der SED in die CDU hineindelegiert wurden, vor allem der Generalsekretär Götting und der Präsident des Obersten Gerichts der Sowjetzone, Heinrich Töplitz, der bis vor kurzem Staatssekretär im Justizministerium der Hilde Benjamin gewesen ist.