In dieser fünften Serie, die sich mit den deutschen Hochschulen beschäftigt, zeigt ein Dozent der Chemie, wie sich ihm sein ebenso kritisch wie liebevoll betrachtetes Fach darstellt. In der letzten Folge des Artikels war von den Prüfungen die Rede: dem "Diplomchemiker", den der Student "macht", weil er muß, und dem "Doktor", den er (wenn alles gutgeht, nach achtzehn Semestern; macht, weil er darf. Die Chemieprofessoren, so hieß es, sind auf die Hilfe ihrer Doktoranden angewiesen. Daher haben auch die Koryphäen ihres Fachs immer mehr Doktoranden, als sie übersehen können; so daß viele Studenten wohl bei einem Nobelpreisträger promoviert haben, ohne daß die Zusammenarbeit jedoch über einen gelegentlichen Händedruck weit hinaus gediehen wäre.

Im Normalfall ist die chemische Dissertation Frucht eines team work – nicht "selbständige Forschungsarbeit", wie der akademische Zopf es will. Der Dozent gibt den Nimbus seines Namens und seine Erfahrung im Austausch gegen experimentelle Arbeitskraft. Der Erfolg hängt nicht nur von Intelligenz und Fleiß des Kandidaten ab, sondern weitgehend vom Glück.

Daraus folgt zweierlei:

1. Der Dozent kann es kaum je verantworten, eine unter seiner Leitung entstandene und dennoch mißglückte Dissertation abzulehnen, wenn der Kandidat dafür jahrelang Zeit und Energie geopfert hat. Er kann höchstens den Kandidaten mit schlechtem Prädikat promovieren und die Dissertation der Fachpresse fernhalten. Daraus folgt wiederum die relative Bedeutungslosigkeit von Dissertationen und Promotionsprädikaten. (Was freilich auch in anderen Fakultäten viel stärker gilt, als deutsche Examensgläubigkeit wahrhaben will.)

2. Ist eine Dissertation gut oder gar genial, so ist kein Gremium der Welt imstande, nach bloßer Lektüre zu entscheiden, ob der Genius beim Professor, beim Kandidaten oder bei beiden liegt. Noch so große Jungtalente gelangen daher nicht ohne das Placet, ja die Initiative des einen Doktorvaters ans Licht der Fachöffentlichkeit – und dieses Placet kommt einem Akt äußerster Selbstlosigkeit gleich. Solche Caritas gedeiht besser in einem Milieu, welches weniger von Prestigekampf, Namenskult und Ehrgeiz gezeichnet ist als die deutsche Chemie. Erscheint die Arbeit in der Fachpresse, so figuriert auch der genialste, selbständigste Doktorand nur als Gehilfe. Zugegeben, daß es der Natur der Sache nach schwer ist, hier etwas zu ändern. Es genügte schon ein Gran Einsicht, daß diese Zustände nicht die besten aller denkbar möglichen sind. Der Verzicht auf den Anspruch der Gottgegebenheit solcher Gewohnheitsrechte wäre schon viel.

Glücklicherweise arbeitet die Masse der Doktoranden heute nicht mehr ganz umsonst. Monatstaschengelder zwischen hundert und dreihundert Mark sind üblich, je nachdem, über wieviel und wie potente Mäzene und Patente der Dozent verfügt. Gemessen an anderen Industrieländern sind es bei uns fast immer lächerlich geringe Summen, die den Dozenten zur Bezahlung ihrer Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

Mit der Annahme eines solchen Taschengeldes begibt sich der Doktorand sinngemäß in Abhängigkeit. Er arbeitet fünfzig Stunden pro Woche im Labor, lernt nachts Theorie und beschränkt sein Privatleben auf den Sonntag und vier Wochen. Jahresurlaub. Er funktioniert und erntet dafür die Gewißheit, mit ordentlichem Prädikat zu promovieren und lobende Empfehlungen an die Industrie mit auf den Weg zu bekommen, wenn er so lange gedient hat, daß es Zeit zum Blick auf die Pensionskasse wird.