Ideologisches Pingpong-Spiel vor düsterem Hintergrund

Von Wolfgang Leonhard

Der seit langem schwelende Konflikt zwischen Peking und Moskau über die außenpolitische Linie wird seit einigen Wochen in der Öffentlichkeit ausgetragen, zuletzt auf dem Parteikongreß in Bukarest. Unter einem ideologischen Deckmantel geht es letzten Endes um die Frage, ob gegenwärtig – wie dies Moskau behauptet – Kriege zu vermeiden sind und daher eine Politik der Koexistenz befürwortet werden kann, oder ob – und dies ist die Pekinger Lesart – Kriege unvermeidlich sind und daher die Koexistenzpolitik durch einen harten und unversöhnlichen Kurs abgelöst werden soll.

Moskau wie Peking warten in dieser Auseinandersetzung mit einer Fülle von – Lenin-Zitaten auf – wobei sich jede Parteiführung gerade die Zitate heraussucht, die der eigenen Auffassung entsprechen. Damit ist die politische Kontroverse gleichzeitig zu einem ideologischen Disput zwischen den beiden Zentren des Weltkommunismus geworden.

Lenin hatte 1916 in der Schweiz seine Studie über den Imperialismus geschrieben, in der er die These vertrat, daß zwischen 1860 und 1900 in den westlichen Industriestaaten der "vormonopolistische Kapitalismus" sich in den "Monopolkapitalismus" oder "Imperialismus" verwandelt habe. Das Bestehen imperialistischer Staaten – bei der gleichzeitig vollzogenen Aufteilung der Welt zwischen den Großmächten – mache Kriege zu einer notwendigen, ja gesetzmäßigen Erscheinung.

Die "angepaßte" Lenin-These

Diese Lenin-These war bis Anfang der fünfziger Jahre sakrosankt. In den letzten Jahren aber wurde sie immer mehr zu einem Hemmschuh, da sie im Widerspruch zur Moskauer Koexistenzpolitik stand. So wurde sie dann auf dem 20. Parteitag im Februar 1956 der veränderten Zielsetzung Moskaus "angepaßt". Chruschtschow erklärte, Lenins These sei zu einer Zeit ausgearbeitet worden, als der Imperialismus ein allumfassendes Weltsystem war; sie sei für den ersten und teilweise auch für den zweiten Weltkrieg berechtigt gewesen. Inzwischen sei aber das "Weltlager des Sozialismus" (lies: der Ostblock) entstanden. Darüber hinaus gäbe es auch andere genügend starke Kräfte, die imstande seien, die Entfesselung eines neuen Krieges zu verhindern. Kriege seien daher heute nicht mehr unvermeidlich.