Damit war die neue Sowjetthese von der "Vermeidbarkeit von Kriegen" geboren. Sie war für Moskau die geeignete ideologische Basis für die Koexistenzpolitik, für das friedliche Nebeneinanderbestehen von Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung (allerdings bei gleichzeitiger Fortsetzung des ideologischen Kampfes).

Beide neuen Moskauer Thesen – die "Vermeidbarkeit der Kriege" und die "Notwendigkeit einer Koexistenz zwischen Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung" – wurden zunächst auch in China verbreitet. Schon beim Kampf gegen die "Rechtsopportunisten" im Spätsommer 1957 allerdings und noch mehr bei der forcierten Bildung der Volkskommunen im Sommer und Herbst 1958 wurde die widerstrebende Haltung Pekings gegen die Koexistenzpolitik Moskaus offensichtlich. Trotzdem vermied Peking zunächst – bis April 1960 – einen direkten ideologischen Angriff auf die sowjetischen Thesen.

Im Frühjahr 1960 veränderte sich das Bild. Mit dem neuen scharfen Kurs in China – der Bildung von Volkskommunen in den Städten und der Propagierung einer "Ideologie Mao Tse Tungs" – sah Peking den Zeitpunkt gekommen, die sowjetischen Thesen frontal anzugreifen. Ein Anlaß fand sich bald. Am 22. April 1960 sollte im gesamten Ostblock die 90. Wiederkehr des Geburtstages von Lenin festlich begangen werden. Peking benutzte diesen Anlaß jedoch nicht, um Lenin zu feiern, sondern um aus seinen 1916 verfaßten Schriften "Der Imperialismus, das höchste Stadium des Kapitalismus", "Über die Junius-Broschüre" und aus seinem "Militärprogramm der proletarischen Revolution" passende Zitate herauszusuchen, in denen Lenin die Unvermeidbarkeit der Kriege postuliert hatte.

Besonders drei Äußerungen Lenins wurden von Peking hervorgehoben: "Nationale Kriege der Kolonien und Halbkolonien sind in der Epoche des Imperialismus nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich" und "Imperialistische Kriege, das heißt Kriege für die Erlangung der Weltherrschaft ... sind unvermeidlich". Vor allem aber, und dies ließ sich besonders treffend gegen Moskau verwenden: "Bürgerkriege sind auch Kriege. Wer den Klassenkampf anerkennt, der kann nicht umhin, auch Bürgerkriege anzuerkennen ... Bürgerkriege zu verneinen oder zu vergessen, hieße in den äußersten Opportunismus zu verfallen."

Aus diesen und anderen (gleichfalls willkürlich aus dem Zusammenhang gerissenen) Lenin-Zitaten zog das Pekinger Zentralorgan Shenminshibao am 9. Mai – unmittelbar vor der Pariser Gipfelkonferenz – die Schlußfolgerung: "Der Marxismus-Leninismus lehrt, daß Aggressionen und Kriege zur Natur des Imperialismus gehören. Die Anerkennung dieser unbestreitbaren und niemals veraltenden Wahrheit hat besonders große praktische Bedeutung für den gegenwärtigen Kampf."

Damit hatte Peking nicht nur die offiziellen Moskauer Thesen über die Vermeidbarkeit der Kriege und die Notwendigkeit der Koexistenzpolitik angegriffen, sondern zugleich auch Moskau beschuldigt, vom Leninismus abzuweichen. Es war vorauszusehen (Die Zeit Nr. 24), daß Moskau diese Angriffe Pekings nicht unbeantwortet lassen würde.

So wie Peking die 90. Wiederkehr des Lenin-Geburtstages für den Angriff gegen Moskau ausnutzte, so hielten die Sowjetideologen den 12. Juni für den passenden Anlaß, um ihrerseits Peking der Abweichung zu beschuldigen.