Vierzig Jahre zuvor, am 12. Juni 1920, hatte Lenin sein Buch "Der linke Radikalismus – die Kinderkrankheit des Kommunismus" verfaßt. Es handelte sich hierbei um eine Kritik Lenins an westeuropäischen Kommunisten, die er aufforderte, sich an den Parlamentswahlen zu beteiligen, aktiver in den Gewerkschaften tätig zu sein und sich nicht von der traditionellen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung isolieren zu lassen. Die Sowjetideologen benutzten nun die Gelegenheit, um vor heutigen "linkssektierischen Stimmungen und Tendenzen" zu warnen. Mit deutlicher Spitze gegen Peking hieß es: "Manche halten fälschlicherweise den Kurs auf die Erreichung der friedlichen Koexistenz ... sowie Verhandlungen zwischen führenden Politikern der sozialistischen und kapitalistischen Länder für eine Art Abkehr von den Positionen des Marxismus-Leninismus."

Kritik an den Volkskommunen

Die Prawda richtete an die Adresse Pekings die Belehrung, daß die Thesen von der friedlichen Koexistenz und von der Verhinderung von Kriegen nicht nur "ein großer Beitrag zur weiteren Entwicklung des Marxismus-Leninismus" seien, sondern auch "die einmütige Billigung der kommunistischen und Arbeiterparteien gefunden hätten. Auch Pekings rigorose Innenpolitik wurde von Moskau einer Kritik unterzogen. Mit offensichtlicher Anspielung auf die Volkskommunen erklärte die Prawda, man könne nicht zum Kommunismus gelangen, "ohne den Verlauf der geschichtlichen Entwicklung zu berücksichtigen" und "der Versuch, ganze historische Etappen zu überspringen, gießt nur Wasser auf die Mühlen der Feinde".

Der Autor des ersten Anti-Peking-Artikels war N. Matkowski, ein wenig bekannter Ideologe, der bisher nur als Mitarbeiter des neuen Lehrbuchs Grundlagen des Marxismus-Leninismus in Erscheinung getreten ist. Aber es gab keinen Zweifel, daß Matkowski dazu ausersehen war, die offizielle Meinung Moskaus zum Ausdruck zu bringen.

Die Auseinandersetzung gegen die "Linken", das heißt gegen Peking und die Anhänger der "chinesischen Richtung" in der kommunistischen Weltbewegung, hatte begonnen. Schon am nächsten Tag wiederholte die Prawda in ihrem Leitartikel die These von der Vermeidbarkeit der Kriege. Zu diesem Zweck wurde der bisher noch nie verwandte Lenin-Ausspruch "Abrüstung ist ein Ideal des Sozialismus" ausgegraben. Auch die (1956 gegründete) Tageszeitung Sowjetskaja Rossija schaltete sich ein und beschuldigte die kommunistischen Parteien des Iraks, der Bundesrepublik und Spaniens "links-sektierischer Abweichungen".

Schließlich, am 20. Juni, wurde die Prawda noch deutlicher: "Bei den Völkern der sozialistischen Staaten kann es nicht zwei Auffassungen über die Frage des Krieges und Friedens geben. Sie sind der Meinung, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen keine fatale Unvermeidlichkeit des Krieges besteht, daß die Abrüstung nicht nur nötig, sondern auch möglich ist und daß die friedliche Koexistenz in der gegenwärtigen internationalen Situation eine Lebensnotwendigkeit darstellt."

Mit den "Völkern der sozialistischen Länder" sind natürlich die entsprechenden Parteiführungen gemeint. Und die Erklärung, es könne keine zwei Auffassungen geben, wird in der Parteisprache immer dann gebraucht, wenn es sie gibt – aber sie nicht mehr geben soll.