Von Karl L. Herczeg

Der Bundestag hat sich in der vergangenen Woche – nach einer anhaltenden Aufklärungskampagne von Bundeswirtschaftsminister Erhard – einmütig hinter die Forderung nach einer großzügigen deutschen Entwicklungshilfe gestellt. Dieses Bekenntnis fällt in eine Periode der Überprüfung bisheriger Vorstellungen über die Hilfe durch die Regierungen der westlichen Welt. Prof. Herczeg (Rangoon) unternimmt im folgenden Artikel eine Bestandsaufnahme der Fehler; in einem späteren Aufsatz sollen die jetzt aktuellen neuen Pläne diskutiert werden.

Die politischen Umwälzungen in den Entwicklungsländern, vor allem im benachba’ten Afrika, veranlassen zu einer Überprüfung der bisherigen Entwicklungshilfe des Westens. Die Reformbestrebungen finden ihre Ursache darin, daß es trotz Aufwendung beträchtlicher Mittel bisher nur an sehr vereinzelten Stellen gelang, den verhängnisvollen Zirkel der technischen und wirtschaftlichen Rückständigkeit dieser Räume zu durchbrechen.

Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen nimmt der Abstand zwischen den entwickelten und unterentwickelten Ländern weiter zu. Die durch die Armut geförderte politische Labilität, die soeben wieder in Korea und in der Türkei eklatant in Erscheinung trat, stellt die wichtigste Einfallpforte des Kommunismus dar. Der gigantische Unruheherd – vom Fernen Osten über den katastrophal übervölkerten indischen Subkontinent, den gärenden Nahen Osten, das erwachende Afrika bis Kuba und Lateinamerika – gefährdet die Voraussetzungen des westlichen Wirtschaftswunders.

Welches Gesamtbild ergibt die bisherige Hilfe des Westens? Während die Rubeloffensive des Ostblocks erst 1955 einsetzte und bis Ende 1959 kaum 3,5 Mrd. Dollar erreichte, bewilligte die US-Regierung seit Kriegsende bis Ende 1959 die stattliche Summe von 70 Mrd. Dollar – derzeit jährlich rd. 4 Mrd. Dollar – für das Ausland. Hinzu kommen andere Regierungsprogramme, voran Frankreich mit jährlich 540 Mill. Dollar (1959) und Großbritannien mit 330 Mill. Dollar für ihre überseeischen Besitzungen. Die Bundesrepublik Deutschland brachte 1959 Leistungen in Höhe von 400 Mill. Dollar aus Budgetmitteln für die Entwicklungsländer auf. .Kleinere Beträge leisten Kanada, Australien und Neuseeland im Rahmen des Colombo-Planes, ferner Belgien, Holland sowie Israel. Die Privatinvestitionen fließen hauptsächlich aus den obengenannten Ländern mit Ausnahme Israels, ferner aus der Schweiz. Anleihen der internationalen Finanzinstitute (Weltbank, Internationaler Währungsfonds, Internationale Finanz-Corporation sowie überseeischer Entwicklungsfonds der EWG) und kleinere Hilfsprogramme der UNO und ihrer Fachorganisationen ergänzen das Bild.

Nun muß gleich der erste Abstrich erfolgen: Mangels einer globalen Konzeption war bei dieser Auslandshilfe lange Zeit eine geographische Fehlleitung zu verzeichnen, indem die USA (aber auch Weltbank und Währungsfonds) den Großteil ihrer Mittel nicht an unterentwickelte Länder vergaben, sondern zur Beseitigung der Kriegsschäden in Westeuropa.

Die geographische Fehlleitung führte dazu, daß bis Ende 1956 von der US-Auslandshilfe in Höhe von 58 Mrd. Dollar 48 vH den europäischen Industrieländern sowie Japan zuflössen, 32 vH der militärischen Hilfe gingen an sieben strategische Brennpunkte des Kalten Krieges (Griechenland, Türkei, Jugoslawien, Indochina, Korea, Nationalchina und die Philippinen), und nur 8 vH oder 4,1 Mrd. Dollar – das entspricht dem Marshall-Plan-Budget eines einzigen Jahres – an insgesamt 70 sonstige unterentwickelte Länder mit mehr als einer Mrd. Menschen. Obgleich seither ein Umschwung eingetreten ist, werden die Zuwendungen für die Entwicklungsländer aus der Hauptquelle, der US-Auslandshilfe, dadurch geschmälert, daß von den jährlich zur Verfügung stehenden Mitteln im Betrag von durchschnittlich 4 Mrd. Dollar in Anbetracht des Kalten Krieges die Hälfte für militärische Lieferungen abgezweigt wird.