Von Johannes Jacobi

Seitdem Bertolt Brecht 1956 in Ostberlin gestorben ist, breitet sich sein dramatisches Werk in der westlichen Welt aus. Nachlaßstücke wurden in der Bundesrepublik uraufgeführt. Die Dramaturgen brachten auch Werke des frühen Brecht wieder auf den Spielplan. Als "Das Leben Eduards II. von England" (nach Marlowe) und "Mann ist Mann" entstanden, war ihr Autor noch kein linientreuer Kommunist. Nicht einmal die "Dreigroschenoper" und "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny die in den letzten Jahren auf westdeutschen Bühnen wiedererschienen, waren als Lehrstücke für Proletarier zu gebrauchen.

Die Aufnahme von Brechts reifen Historien- und Parabelspielen aus der Exilzeit bleibt nicht auf deutsche Bühnen beschränkt. "Der gute Mensch von Sezuan", "Mutter Courage und ihre Kinder", "Der kaukasische Kreidekreis", "Leben des Galilei" sind internationale Repertoirestücke geworden.

Wie kein anderer deutschsprachiger Autor erobert sich Brecht das westliche Ausland. Das "Leben des Galilei", zu Lebzeiten des Verfassers in Amerika uraufgeführt, wurde soeben in einer eigenen Inszenierung vom Londoner Mermaid Theatre herausgebracht. Gastspiele des Berliner Ensembles hatten in England den Boden dafür bereitet. Dieses Ostberliner Staatstheater bereiste außer Ländern des Ostblocks auch skandinavische Staaten. Am größten war sein Triumph, und damit Brechts Triumph, jedoch jetzt in Paris.

Hier durfte Helene Weigels Truppe zum dritten Male im Rahmen des "Theaters der Nationen" gastieren. Dem Berliner Ensemble wurde dabei eingeräumt, was auf dieser alljährlichen Olympiade des Theaters noch keiner eingeladenen Bühne zugestanden worden war: Es durfte zwei schon früher von ihm in Paris gezeigte Inszenierungen wiederholen – "Mutter Courage und "Leben des Galilei".

Wie fruchtbar solch systematische Propagierung sein kann, bestätigten die beiden anderen Stücke des diesjährigen Pariser Gastspiels: "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" und "Die Mutter" (nach Gorkis Roman).

Als wir im vorigen Jahre über die Uraufführung des nachgelassenen "Ui" aus Stuttgart berichteten, schienen Zweifel in der Lebensfähigkeit dieses Stückes geboten. Mit Hilfe einer "Doppelverfremdung" hatte Brecht den Werdegang. Hitlers derart verklausuliert, daß schon Zeitgenossen der politischen Ereignisse Mühe hatten, die vielen Anspielungen zu verstehen. Wie erst die Nachgeborenen! In Paris war der Zulauf zu diesem Stück jedoch so groß, daß Zuschauer fünfzehn Neue Francs (also etwa vierzehn D-Mark) bezahlten, um im überfüllten Théâtre Sarah Bernhardt wenigstens auf einer Treppenstufe sitzen zu dürfen.