Die Ware Film ist im "Schaufenster des Westens" ein Blickfang. Zehn Millionen Besucher aus der Sowjetzone und Ostberlin sahen 1959 in Westberlin Filme aus aller Welt. Das ist eine außerordentlich hohe Zahl, kulturpolitisch von großer Bedeutung; sie erklärt sich aus der Tatsache, daß durch Bundesmittel Besucher aus dem Osten die westlichen Eintrittspreise eins zu eins bezahlen dürfen.

Die alljährlichen Berliner Filmfestspiele gewinnen auch durch die Zuschauer aus dem anderen Teil Deutschlands einen Charakter, der sie von ähnlichen Festivals an der Cote dAzur und an der Adria unterscheiden. Hier an der Spree setzt die politische Situation auf jedes Ereignis den politischen Akzent. So kommt es auch, daß auf der Berlin ist geradezu prädestiniert für einen "Kampf der Wagen und Gesänge" zwischen Ost und West. Leider zwingt die kommunistische Berlinpolitik den westlichen Teil der deutschen Hauptstadt mehr und mehr in die Rolle einer belagerten Festung — auch kulturpolitisch. Die Frage, ob nicht sogar die DEFA Produktion, "das volkseigene Filmschaffen der DDR", vor das internationale Forum der Berliner Filmfestspiele gehört — diese Frage stößt infolgedessen in Westberlin auf begreifliche Empfindlichkeit. Dennoch führt ein Maginot Denken auch in der kulturpolitischen Strategie in die Sackgasse. Die "Berlinale" sollte das Tor weit aufmachen für Filme aus aller Welt. Wenn dann die Kommunisten nicht kommen, wenn sie sich der internationalen Diskussion hier nicht stellen wollen, dann liegt eindeutig auf ihrer Seite die Schuld. Vergegenwärtigen wir uns, daß in diesem Jahre 1960 die Berliner Filmfestspiele zum zehntenmai über die Bühne gehen, dann verstehen wir zugleich, wie zäh und ausdauernd die Provisorier sein können. Vieles, was einmal als Zweckdemonstration entstand, wurde in Berlin zur Institution Kurz nach der überstandenen Blockade begann Berlin in die Reihe der internationalen Filmfestivalplätze zu treten. Unvergeßlich dann wenige Jahre später die Junitage 1953: in Ostberlin feuerten sowjetische Panzer auf demonstrierende Arbeiter — in Westberlin liefen gleichzeitig, scheinbar normal, die Filmfestspiele. Die zehnte "Berlinale" spielt sich ohne Pannen und Sensationen ab, wenn man eine Ohrfeige zwischen prominenten Filmschauspielern — natürlich ging es um eine Frau — weder als Sensation noch als Panne gelten lassen will. Die Franzosen stehen künstlerisch — nach Ablauf der ersten Woche — unbestritten an der Spitze mit "A Baut merkenswerte Tatsache; Frankreich erwies sich zwar in den ersten Jahren der "Berlinale" als das führende Filmland überhaupt, fiel aber dann, bevor die neuerdings viel besungene "Neue Welle" kam, betrüblich zurück.

Die "Liebesspiele" von Philippe de Broca sind leicht und witzig eingerichtet, bescheiden in den äußeren Mitteln, intensiv im schauspielerischen Ausdruck — kein Exempel für die große Geschichte des Films, aber ein ebenso brillantes wie Hebenswürdiges Stückchen, das unverwechselbar nur aus Frankreich kommen kann. Weit mehr hat sich Jean Luc Goddard vorgenommen mit dem Kriminalreißer "Außer Atem". Auch hier ist der äußere Aufwand betont bescheiden, aber die schauspielerischen Leistungen vonean Seeberg und ]ean und Technicolor vermögen. Entscheidend aber ist, daß Goddard, auch einer der jungen französischen Regisseure, seine Geschichte vor allem mit der Kamera erzählt und mit einem dramatischen Sinn, der ebenfalls beste französische Tradition ist. Beide Filme sind gut, "A Bout de Souffle" ist ernsthaft, aber beide sind sie nicht gerade internationale Spitze. Ob Helmut Käutner mit dem Amerikaner immerhin stellten mit Stanley Kraeinen langen und grüblerischen Film schon zu Beginn des Festivals zur Diskussion. Eine glänzende stritten wird.

Kameramänner und des Regisseurs.

tes Zelluloid. Thilo Koch