Von Ernst Stein

Die literarische Frage, was modern ist, die den Zeitgenossen so auf den Nägeln brennt, als hätten sie Angst, bereits unmodern zu sein, ehe die Frage beantwortet ist – diese Frage habe ich mir jahrelang für den häuslichen Gebrauch so zurechtgelegt: modern ist, was man in der Buchhandlung noch nicht zu herabgesetzten Preisen kriegt.

Früher war allerdings das Moderne von Haus aus so billig, daß man nicht erst auf das Antiquariat warten mußte. Für fünfzig Pfennig oder so bekam man ein schwarzes Heftchen aus der Serie "Der jüngste Tag", zum Beispiel eine Erzählung "Die Verwandlung" von einem, der hieß Franz Kafka. Für drei Mark fünfzig oder so gab einen schöngedruckten "Candide" mit aber schon sehr modernen Zeichnungen von einem gewissen Paul Klee.

Und wenn man es mit dem Internationalen hatte, dem europäischen Denken, dann kaufte man sich für eine Mark und etwas den "Querschnitt". Da war aber auch alles beisammen, was neu und esoterisch war, piekfein – und hochinteressant: Cocteaus von Apoll persönlich eingegebene Kritzeleien; metallische Légers; die Greguerias von Ramon Gomez de la Serna liefen jahrelang durch die gelben Hefte (heute glaubt man sie zum erstenmal entdeckt zu haben); Gertrude Steins dreifache Rose war da und die absonderlichsten Interpunktionen von e. e. cummings; und den stinklangweiligen Sade hielten schon damals erlesene Köpfe für eine intellektuelle Angelegenheit. Man las fremdartige Namen wie Hemingway über allerlei Kinkerlitzchen; eine Samtjacke und ein Wanderburschenhemd – das war ein Mann namens Ezra Pound.

Das alles war von einer himmlischen Verschmocktheit – und das alles war vor einen Dritteljahrhundert. Und wenn man das bedenkt, wird einem weh ums Herz, weil unsere Zeit nicht einmal das Zeug zum Snobismus aus erster Hand hat; sie tut nur dick.

Die gelben Hefte des "Querschnitts", den sich der Kunsthändler Flechtheim für seine neuen Kunstobjekte ausgedacht hatte und den dann Ullstein übernahm, bis er – in einem anderen Verlag – von einem jetzt auch schon halbvergessenen Reichspropagandaminister wegen einer schnoddrigen Glosse über Charakter eingestellt wurde, diese Hefte, heute teuer bezahlt, sind etwas wie eine Entstehungsgeschichte der ausländischen Moderne, und zwar einer, die es geblieben ist. Sie sind auch etwas wie eine Antwort auf die Frage, wie lange eine avant-garde voraus sein kann, bis sie von ihren Nachtretern eingeholt wird.

Diese Welt eines nun schon klassischen Sturms und Drangs lebt auch weiter in dem schmächtigen Band Erinnerungen, der jetzt in London erschienen ist – Erinnerungen der amerikanischen Buchhändlerin Sylvia Beach in Paris an eine Zeit, die vor Talent in allen Nähten platzte. Ihr Laden war die Moderne, Er hieß, wie das Buch auch, witzigerweise "Shakespeare and Company" (bei Faber & Faber, London; 232 Seiten, 44 Bilder, 25 s.) und war mindestens in zwei Kontinenten bekannt als Treffpunkt der längst und der noch lange nicht Berühmten, der Bilderstürmer und der Unsterblichen eines Tages, Aber in die Literaturgeschichte eingegangen ist "Shakespeare and Company" als der Verlag jenes Werkes, das die große Absage an die Literatur war, ihr belebendster Todestoß: des "Ulysses" von James Joyce.