In diesen Tagen vollendete der Dirigent Carl Schuricht sein achtzigstes Lebensjahr. Wir haben Ursache, mit Bewunderung und Dankbarkeit dieses Mannes zu gedenken, dessen Ruhm begründet liegt in seiner unbestechlichen geistigen Haltung dem Kunstwerk gegenüber. Sein Bemühen zielt darauf, nicht nur "sachtreu" zu sein, sondern zugleich das zu finden, was als "Botschaft" in der Musik zu bezeichnen wäre. Um aber eine "Botschaft" zu erkennen, dazu bedarf es einer Distanzierung. Und gerade sie ist es, die uns an der nachschaffenden Künstlerpersönlichkeit Schurichts stets sofort auffällt.

Mit der geistigen Distanz der Schurichtschen Werkauslegung ist nun freilich alles andere als etwa "innere Ferne" gemeint. Ganz im Gegenteil stellt sie Einsicht und Bekenntnis dar. Daher denn, daß die Übersetzung des Notenbildes in die klangliche Verwirklichung stets ein Wissen um die geistigen Hintergründe dokumentiert. Dabei spielt das rein Handwerkliche bei Schuricht überhaupt keine Rolle mehr: Seine Schlagtechnik ist auf ein Minimum beschränkt. Sie trägt den Charakter liebevoller Anleitung und Anweisung für seine ausübenden Kollegen, die sich in ihrem Spiel darum auch frei entfalten können, unmerklich gelenkt von der geistigen Konzentration, die sie entbindet und beflügelt. Hier waltet eine Disziplin, die sich äußerlich durch rhetorische Gestik überhaupt nicht kundtut, die aber auf unnachahmlich geheimnisvolle Art das Werk trägt und zusammenbaut. Und es ist das wohl die höchste Tugend der Schurichtschen Darstellungskunst, ihr weiser Verzicht auf alles Demonstrative.

Dieser im wahrsten Sinne des Wortes einsame und hervorragende Musiker, der auch die Werke unserer klassischen Großmeister aus konventionellen Gepflogenheiten befreit hat, indem er ihr unvergänglich Überzeitliches stets lebendig macht – und gerade hierin beruht ja auch ihre "Botschaft" – besitzt darüber hinaus ein unmittelbares Verhältnis zur gegenwärtigen Produktion. Allerdings nur dort, wo es sich um Schöpfungen handelt, die jenes Humane in unserer Musik noch nicht eingebüßt haben. Musik, aus entwurzeltem Intellekt entsprungen, ist ihm immer wesensfremd geblieben.

Erstaunlich, daß Schuricht in seinem hohen Alter heute noch anstrengende Verpflichtungen übernimmt. So war er unlängst als Gast mit den Wiener Philharmonikern in Nordamerika, wo er beispiellose Triumphe erntete. Der österreichische Staat hat ihn in Anerkennung seiner dort vollbrachten Leistungen mit der Ehrenprofessur ausgezeichnet. Frank Wohlfahrt