Fidel Castro Urwaldkämpfer von einst und Miniaturdiktator von heute, hat sein Regime und sein Land in eine überaus prekäre Lage manövriert. Über Kuba, der idyllischen Zuckerinsel in der Karibischen See, hängt ein Damoklesschwert, dessen dünnen Faden der Präsident der Vereinigten Staaten jederzeit durchschneiden kann: Der amerikanische Kongreß hat Eisenhower bevollmächtigt, den Zuckerimport aus Kuba nach seinem Ermessen zu drosseln oder sogar ganz einzustellen. Das aber würde bedeuten, daß der Dollarstrom versiegt, von dem das Land gelebt hat.

Bisher haben die Vereinigten Staaten Kuba mehr als die Hälfte seiner Zuckerernte abgenommen – und das zu einem Preis, der etwa das Doppelte des Weltmarktpreises betrug. Dieses günstige Arrangement setzte die Regierung in Havanna in die Lage, den Rest weit unter dem Preis an die Sowjetunion gegen Rohöl einzutauschen.

Aber die USA zogen aus diesen Manipulationen keine Konsequenzen. Sie ließen sich auch durch die Flut unglaublicher Beschimpfungen nicht provozieren, mit denen der bärtige Revolutionstribun fast alltäglich den großen Nachbarn im Norden überschüttete, und sie hüteten sich vor Repressalien, als das erste amerikanische Eigentum auf der Insel, als Firmen und Hotels beschlagnahmt wurden. Washington kannte sehr genau die südamerikanische Empfindlichkeit gegenüber allem, was auch nur von fern als eine "Yankee-Intervention" hätte gedeutet werden können. Ein US-Wirtschaftsboykott hätte noch vor ein paar Wochen Fidel Castro eine starke Phalanx lateinamerikanischer Bundesgenossen zugeführt.

Es scheint, als habe sich inzwischen das Blatt gewendet. Im Taumel der Wut hat Castro einen Schritt getan, der leicht verhängnisvoll für ihn werden kann. Er hat die drei großen kubanischen Raffinerien amerikanischer und englischer Erdölgesellschaften kurzweg enteignet, weil sie sich weigerten, sowjetisches Rohöl zu verarbeiten. (DieGesellschaften hatten feste Lieferverträge mit Venezuela.) Folge: die Ölgesellschaften haben sofort jegliche Zusammenarbeit mit Kuba abgebrochen. Alle Kredite wurden gesperrt. Die Insel ist praktisch von der "westlichen" Ölversorgung abgeschnitten. Die Reserven reichen noch für etwa einen Monat.

Die ersten sowjetischen Öltanker haben mittlerweile ihre Ladung im Hafen von Havanna gelöscht – Tropfen auf einen heißen Stein. Sachverständige bezweifeln, daß es der Sowjetunion (auch wenn sie alles Interesse daran habe, diese zugespitzte Situation in ihrem Sinne auszunutzen) gelingen könnte, so schnell die 25 bis 30 Tanker aufzutreiben, die man brauche, um genügend Rohöl vom Schwarzen Meer in die Karibische See zu verschiffen. Auch Peking, das eilig seine Hilfsversprechungen hinausposaunte, kann nicht über Nacht Dschunken in Öltanker verwandeln.

Doch wie es mit diesen roten Notlieferungen auch bestellt sein mag, fest steht, daß sich das Revolutionsregime von Havanna nun wirtschaftlich eindeutig in östliche Fesseln gelegt hat. Washington braucht die südamerikanischen Staaten von dieser Tatsache jetzt nicht mehr wortreich zu überzeugen: Sie ist evident. So hat denn Kuba von seinen beunruhigten lateinamerikanischen Nachbarn keine Rückendeckung mehr zu erwarten, am allerwenigsten von Venezuela, dessen Ölgeschäft es störte.

Boykottdrohung vom Norden, wachsende Kritik vom Süden, neuerdings auch schon heftige Studentenproteste im eigenen Lande – niemand kann sagen, die Herrschaft des kubanischen Revolutionsheroen Fidel Castro ruhe noch auf einem sicheren Fundament. H. G.