Von Wolfgang Leonhard

Der rumänische Parteitag, auf dem KP-Führer aus zwölf Ostblockstaaten über die neue außenpolitische Linie berieten, kam für Moskau gerade recht, um die sowjetisch-chinesischen Differenzen zu bereinigen. Die öffentliche Kontroverse hatte (siehe die vorige Ausgabe der ZEIT) Ende April mit ideologischen Angriffen Pekings gegen die Moskauer Thesen von der "Vermeidbarkeit von Kriegen" und der Notwendigkeit der Koexistenzpolitik" begonnen. Darauf hatte Moskau seinerseits gegen Peking den Vorwurf "linkssektiererischer Tendenzen" erhoben. Die unterschiedlichen Auffassungen zwischen den beiden Zentren des Weltkommunismus wurden in aller Öffentlichkeit ausgetragen. Aber es ließ sich dabei doch das Bestreben erkennen, die Widersprüche zwischen Peking und Moskau nicht zu scharf werden zu lassen. So nutzte der Kreml dann die Gelegenheit des Parteitags, um eine Kompromißformel auszuarbeiten.

Weit inhaltsreicher als das Bukarester Kommuniqué war Chruschtschows Rede vor den Parteitagsdelegierten. Sie zeigte, daß die Sowjetführung sich heute keineswegs nur mit den linkssektiererischen Tendenzen Pekings auseinanderzusetzen hat, sondern auch mit einer gemäßigten Richtung, die Chruschtschow Auftreten in Paris für unheilvoll hält und der Meinung ist, daß die Sowjetunion nach der Erklärung Eisenhowers, die U-2-Flüge würden in Zukunft eingestellt, an der Gipfelkonferenz hätte teilnehmen sollen. Chruschtschow sah sich zu einer längeren Rechtfertigung genötigt. Seine Erklärung, daß "die Haltung der sowjetischen Regierung in Paris nicht allen Menschen ganz verständlich ist", besonders jenen nicht, "die für die Koexistenz sind", weist darauf hin, daß solche Auffassungen offensichtlich auch in den kommunistischen Parteien bestehen.

Andererseits gab Chruschtschow den Anhängern der "chinesischen Richtung" deutlich zu verstehen, die Verschärfung des außenpolitischen Kurses dürfe nicht als Abkehr von der sowjetischen Koexistenzpolitik überhaupt angesehen werden. Nach wie vor seien die Thesen von der Vermeidbarkeit der Kriege und der Notwendigkeit der Koexistenz gültig. "Die Kommunisten", so erklärte der Kremlchef, "sind realistisch denkende Menschen. Sie legen sich Rechenschaft darüber ab, daß es unter den gegenwärtigen Verhältnissen, da zwei Weltsysteme bestehen, notwendig ist, die gegenseitigen Beziehungen zwischen ihnen so zu gestalten, daß die Möglichkeit der Entstehung von Kriegen zwischen Staaten ausgeschaltet ist."

In der Rede Chruschtschows tritt deutlich seine Hoffnung zutage, die Zukunft werde für den Ostblock arbeiten – bis schließlich ein ökonomisches und politisches Übergewicht in der Welt erzielt sei. Das Schwergewicht des Kampfes soll auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet liegen. Unter Berufung auf Lenin erklärte Chruschtschow, "daß wir in der internationalen Arena vorwiegend durch unsere Wirtschaftspolitik Einfluß ausüben

Besonders interessant war Chruschtschows ideologische Zurechtweisung der chinesischen Kommunisten, die bei der Lenin-Gedenkfeier am 22. April in fünf Artikeln mit insgesamt 51 Lenin-Zitaten aufgewartet hatten, um die Richtigkeit ihrer Auffassungen zu beweisen. Man darf – so Chruschtschow – "nicht all das mechanisch wiederholen, was Wladimir Iljitsch Lenin vor einigen Jahrzehnten über den Imperialismus gesagt hat, und man darf nicht immer wieder davon reden, daß die imperialistischen Kriege unvermeidbar seien".

Obwohl dies sicher völlig genügt hätte, fügte der sowjetische Ministerpräsident noch hinzu: "Man darf deshalb nicht ohne Rücksicht auf die konkrete Lage, ohne Rücksicht auf die Änderung der Kräfteverhältnisse in der Welt wiederholen, was der große Lenin unter ganz anderen geschichtlichen Verhältnissen sagte. Wenn Lenin aus dem Grabe auferstehen könnte, würde er solche Leute, wie man so sagt, am Ohr nehmen ... Wir leben in einer Zeit, da Marx, Engels und Lenin nicht mit uns sind. Wenn wir gleich Kindern vorgehen, die das ABC erlernen und aus einzelnen Buchstaben Wörter zusammenfügen, werden wir nicht viel erreichen ... Auf Grund der Lehre des Marxismus-Leninismus müssen wir selber denken, das Leben studieren, die gegenwärtige Lage analysieren und Schlüsse ziehen, die unserer gemeinsamen Sache des Kommunismus zum Nutzen gereichen."