Für ideologische Parteien ist kein Platz in der modernen Massendemokratie

Nun gibt es also in Bonn keine konservative Partei mehr. Über hundert Jahre, seit 1848 die erste konservative Partei in Deutschland in Auflehnung gegen die liberale Märzrevolution gegründet wurde, hatten die Konservativen immer eine Fraktion – erst im preußischen Abgeordnetenhaus, dann im Reichstag und in Weimar und schließlich im Bundestag. Seit acht Tagen haben sie keine mehr. Warum?

Allenthalben in Europa hatten sich die konservativ Gesonnenen am Anfang des 19. Jahrhunderts zusammengefunden, um zu versuchen, einiges von dem zu "konservieren", was die Welt – ihre Welt – vor der Französischen Revolution ausgemacht hatte. Sie wollten den Ständestaat gegen die Demokratie verteidigen und das Gottesgnadentum der Herrscher gegen die Säkularisierung des Staates. Julius Stahl, der Begründer des deutschen Konservatismus meinte, das Wichtigste sei die "Obrigkeit". Man könne nicht erst einen Staat einrichten und sich dann die Obrigkeit suchen. Nach seiner Vorstellung ist sie "gegeben" und kann nicht "eingesetzt" werden: "Sie ist eine von Gott verordnete und Gotteswerk vollführende Gewalt."

In der Vorstellung der Konservativen hat alles Unheil mit dem Jahr 1789 begonnen. Wenn man einmal in den Schriften vom Friedrich August Ludwig von der Marwitz (1777 bis 1837) nachblättert, eine der großartigsten und liebenswertesten Erscheinungen unter den preußischen Konservativen, dann kann man dies sehr deutlich sehen.

In seinen Lebenserinnerungen schreibt er über die neue Lehre: "Nachdem der Aberglaube ausgerottet war, glaubte der Verstand, vorzüglich der französischen Philosophen, keine Grenzen mehr anerkennen und alles überfliegen zu dürfen. Zuerst Montesquieu, dann Rousseau und andere griffen den Staat, Voltaire, Diderot und andere die Kirche an. Bis in ihre tiefsten Wurzeln verfolgt, war diese neue Lehre im Grunde eine Auflehnung des menschlichen Verstandes gegen die göttliche Macht und Weltregierung, also ganz eigentlich ein Werk des Satans... Sie bestand darin, an die Stelle des Rechtes und der Ordnung den Nutzen, an die Stelle christlicher Demut und Zufriedenheit den Hochmut und die Unzufriedenheit mit der Stelle, die Gott einem jeden angewiesen hatte, zu. setzen."

Nun, es ist lange her, daß dies geschrieben wurde. Inzwischen ist viel geschehen. Und inzwischen haben sich auch die Konservativen daran gewöhnt, daß die Obrigkeit vom Volk gewählt, also eingesetzt wird. Und doch hat sich etwas von den Vorstellungen jener Zeit, da Liberalismus und Konservatismus geboren wurden, bewahrt.

Der Streit um den Stammbaum