Die Börsen gönnen sich keine Ruhe. Die Pause in der Aufwärtsbewegung, die in der letzten Woche zu einem vorübergehenden Kursrückgang führte, war nur kurz. Die Kurseinbußen von 13 bis 20 Punkten waren im Vergleich zu den vorangegangenen Steigerungen von 100 und mehr Punkten außerordentlich gering. Innerhalb eines Tages wurden die Rückgänge wieder ausgeglichen, und die Kurse kletterten von neuem atf bisher noch nicht erreichte Notierungen.

Bei den IG-Farben-Nachfolgern haben nun auch Badische Anilin- und Sodafabrik und Farbwerke Hoechst die 700-Prozent-Grenze überschritten, die bisher immer zu verstärkten Gewinnmitnahmen anreizte, aber auch als letzte Widerstandsstufe auf dem Wege zum 1000-Prozent-Kurs angesehen wird. Der neue Rekordstand der Aktienkurse ist um so eindrucksvoller, als diesmal auch die Montanwerte von der Aufwärtsbewegung miterfaßt wurden. Sogar Mannesmann – lange Zeit als Musterbeispiel für die vernachlässigten Montankurse angesehen – überschritt seinen bisherigen Höchstkurs von 332 1/2 und erzielte 371.

Trotz dieser eindrucksvollen Beweise für die ungebrochene Kraft der Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt lohnt es sich, auf die Kommentare näher einzugehen, die zu der rückläufigen Tendenz an der Börse gegeben wurden. Teilweise gingen sie weit über die Ansicht hinaus, es handele sich nur um eine vorübergehende markttechnische Reaktion auf die heftigen Kurssteigerungen der letzten Wochen.

Die Aktienhausse sei, so war zu lesen, der Konjunktur weit vorausgeeilt und müsse schön deshalb bald ein Ende finden, weil jenseits des Ozeans bereits eine Konjunktur-Flaute herrsche, die nach der üblichen Verzögerung von einem halben bis dreiviertel Jahr auch auf Europa übergreifen werde. Meldungen über Einschränkungen in der US-Stahl-Industrie auf etwa 50 vH der Kapazität und über die Stillegung großer Stahlwerke wurden zur Bekräftigung dieser These herangezogen. Es wurde daran erinnert, daß auch 1958/1959 die deutsche Stahlindustrie von der amerikanischen Stahlkrise nicht verschont blieb. Auf der Suche nach Anzeichen dafür, daß auch bei uns die Konjunktur ihrem Höhepunkt nahe gekommen sei, würde der Bericht des Wohnungsbauministers zitiert, in dem über ein auffälliges Nachlassen der Expansion bei den Hypotheken-Zusagen gesprechen wird. Der Bericht betont, der Wohnungsbau sei durchaus kapitalmarktempfindlich und die Auftriebskräfte im Wohnungsbau würden durch die immer schwieriger und teurer werdende Finanzierung abgeschwächt.

Diese Argumente scheinen geeignet zu sein, die Anleger zu einer gewissen Zurückhaltung zu veranlassen, zumal häufig die Meinung vertreten wird, daß auch in diesem August oder September ähnlich wie 1959 oder 1955 ein schärfer Kursrückgang auf die ungestümen Erhöhungen folgen könnte. Wie wenig aber bisher auf diese Warnrufe gehört wurde, zeigt vor allem die Hausse der Montanwerte, die sich wiederum auf günstige Zwischenberichte zahlreicher Stahlunternehmen stützt. Sogar die Kohlenbergwerksgesellschaften meldeten einen – wenn auch langsamen – Abbau ihrer Halden.

Die sprunghaften Kurserhöhungen der letzten Tage waren nur noch zu einem geringen Teil die Folge ausländischer Käufe; dies zeigte sich vor allem darin, daß nicht nur einige Spitzenwerte gefragt waren. Die umfangreiche Nachfrage aus dem Inland bestätigte, daß ein großer Teil der zum großen Zinstermin Anfang Juli gezahlten Gelder und auch der Anleiherückzahlungen nicht wieder in Rentenwerten angelegt wurden, sondern an den Aktienmarkt flossen. Darüber hinaus kauft ein beachtlicher Teil der Sparer, die vor drei Jahren ihr Geld steuerbegünstigt festlegten, mit den nunmehr freigewordenen Geldern Aktien.

Der Kursanstieg der Montanwerte hat in diesen Tagen die Kursunterschiede zwischen den einzelnen Marktgebieten zwar verringert, aber bei weitem noch nicht ausgeglichen. Deshalb ist es verständlich, daß sich die Nachfrage besonders auf Werte richtet, die augenscheinlich hinter dem allgemeinen Kursanstieg zurückgeblieben sind und ihre bisherigen Höchstkurse noch nicht wieder erreicht haben. Hierbei fällt unter anderem die Aufmerksamkeit auf die August Thyssen-Hütte, die auch unter Berücksichtigung des inzwischen abgeschlagenen Bezugsrechtes von rund 50 Punkten noch immer beachtlich unter dem diesjährigen Höchstkurs von 469 notiert. Ein anderes Beispiel ist die Aktie der Handelsunion, die mehrere Jahre hindurch zu den überdurchschnittlich hoch stehenden Werten zählte, in diesem Jahr aber rund 100 Punkte unter ihrem Spitzenstand von 1959 geblieben ist. W. M.