Die letzten Hände sind gebunden

Von Erwin Topf

"Zusätzliche Arbeitskräfte zur Ausnutzung der vergrößerten Kapazitäten sind meist nur mit erheblichen Lohnzugeständnissen und anderen Vergünstigungen zu gewinnen, was natürlich die Gewerkschaften zu erhöhten Forderungen ermutigt. Der Widerstand der Unternehmer gegen diese Forderungen ist durch die Angst vor einer Abwanderung von Arbeitern und durch die günstigen Gewinnchancen geschwächt."

Aus dem neuesten Monatsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums

Wo gibt es noch Arbeitsfähige, die unbeschäftigt oder doch nicht voll ausgelastet sind? – Das ist die Frage, die sich für viele Unternehmen und von Tag zu Tag immer dringlicher stellt.

Auf der Suche nach solchen Arbeitskraftreserven ist, wie die "Welt der Arbeit" berichtet, eine in Oldenburg ansässige Textilmaschinenfabrik auf die beinahe geniale Idee verfallen, ihre Werber in die Kasernen zu schicken. Für vier Stunden Arbeit, "nach Feierabend", nämlich in der Zeit zwischen 17 und 21 Uhr, und für eine volle Arbeitsschicht am dienstfreien Samstag wurden fast 10 vH über Tariflohn, nämlich etwas über 2 DM Stundenlohn geboten. Vierzehn Soldaten, Wehrpflichtige und länger dienende Freiwillige, darunter sogar ein Unteroffizier, haben auf dieses Angebot hin "die Arbeit aufgenommen". Ihr zusätzlicher Wochenverdienst bei 28 Arbeitsstunden liegt damit bei fast 60 DM brutto. In jedem einzelnen Falle ist "ordnungsgemäß" – was vernünftigerweise nie hätte geschehen dürfen – vom zuständigen Finanzamt eine zweite Steuerkarte ausgestellt worden.

Ein anderer, kaum weniger skurriler Fall, bei dem es sich nun aber um eine regelrechte Abwertung handelt, soll die Bundespost betroffen haben. Sie hatte eine Gruppe von Spaniern – ungelernte Arbeitskräfte – als Anlernlinge eingestellt, in der Absicht, sie für die Paketzustellung einzusetzen. Natürlich war zunächst eine gewisse sprachliche Grundschulung erforderlich. Nach einigen Wochen aber seien die Spanier – so heißt es in dem Bericht – bereits der deutschen Sprache soweit kundig gewesen, daß sie lesen konnten, was auf einem Plakat stand: nämlich, daß ungelernte Arbeitskräfte "zu höchsten Tageslöhnen" von der Industriefirma Meier und Müller eingestellt würden.

Die Folge soll gewesen sein, daß die Spanier sich dort meldeten und sofort eingestellt worden seien ... was allerdings voraussetzen würde, daß die Firma Meier und Müller es fertiggebracht haben müßte, die Beschäftigungserlaubnis für diese Gruppe von Ausländern zu erhalten und zugleich Unterkunftsmöglichkeiten für sie zu beschaffen. Beides dürfte wohl nicht ganz so einfach sein – zumal dann nicht, wenn die Bundespost, anstatt gleich zu resignieren, auf ihrem guten Recht bestehen würde. Zum mindesten hätte die Firma Meier und Müller der Bundespost Ersatz für die aufgewendeten Kosten zu leisten.

Die letzten Hände sind gebunden

Seit einiger Zeit häufen sich die Berichte, in denen es heißt, daß die zusätzliche Arbeit an Ausdehnung gewonnen hat. Das "weiß" man in der Großstadt kaum; in den besser überschaubaren Verhältnissen der Klein- und Mittelstädte aber ist sehr wohl bekannt, wieviel an Überstundenarbeit geleistet wird, und dazu, nach Feierabend und übers Wochenende, an Schwarzarbeit oder auch völlig legal, in einem "zweiten Arbeitsverhältnis".

Das paßt freilich durchaus nicht ins gewerkschaftliche Konzept, wonach weitere Fortschritte in der Arbeitszeitverkürzung fast noch wichtiger sein sollen als Lohnaufbesserungen, die ja – jetzt – auch beinahe "von selber kommen". Verständlich also, daß die Gewerkschaften bemüht sind, solche auf Mehrarbeit gerichteten Tendenzen, wenn sie schon nicht zurückzudrängen sind, dann doch wenigstens nicht unnötig publik zu machen. Andererseits entspricht es durchaus der marktwirtschaftlichen Logik, in Zeiten der Hochkonjunktur mitzunehmen, was mitzunehmen ist. Dieser Logik gegenüber ist der Arbeitnehmer so aufgeschlossen wie der Unternehmer.

Daß damit auch die Gefahren einer konjunkturellen Überspannung wachsen, ist in der Theorie längst klar, und wird nun selbst in Äußerungen von amtlicher Seite so ernst und so nachdrücklich hervorgehoben wie kaum je zuvor. Zeugnis hierfür ist der zu Monatsanfang veröffentlichte "Lagebericht" des Bundeswirtschaftsministers, in dem erstmalig nicht bloß von einer Hochkonjunktur gesprochen wird, sondern expressis verbis von einer "übersteigerten" Hochkonjunktur. "Von Monat zu Monat wächst der Umfang an unerledigten Aufträgen bei der Industrie; die Fertigwarenvorräte der Produzenten gehen zurück, und die Lieferfristen werden länger." Die Gesamtnachfrage, so heißt es, expandiert "vorerst noch unverändert" immer weiter, wobei Inlandsinvestitionen, Exportboom, steigende Staatsausgaben und wachsender privater Verbrauch zusammenwirken.

Damit wären im wesentlichen nur die Symptome beschrieben; über die Ursachen aber wird kaum mehr gesagt als das, was bisher eigentlich ständig angeführt worden ist: die immer noch reichliche Geldversorgung, die auf hohe Devisenüberschüsse und daneben auch auf eine beträchtliche Kreditschöpfung zurückgeht.

Das ist zwar "richtig", reicht aber noch nicht für eine wirkliche Analyse des Geschehens aus. Auf die Dauer kann man sich schwerlich damit zufriedengeben, daß immer nur von der "Liquiditätsfülle" als der Wurzel allen Übels gesprochen wird.

Woher kommt denn dieses Übermaß an Liquidität? Offenbar nicht (oder doch nicht primär) von den Banken: sondern von den Einlagen, die sich bei ihnen anhäufen, trotz stärkster Investitionstätigkeit und trotz einer – wie der hohe Kapitalzins zeigt – beträchtlichen Nachfrage nach langfristig disponierbaren Geldern. Liquiditätsfülle und Expansion im kurzfristigen Kreditgeschäft – das reimt sich wahrlich schlecht zusammen: wenn dergleichen nebeneinander besteht, dann müssen doch wohl schwerwiegende Funktionsstörungen gegeben sein.

Schließlich sollte man auch nicht alle Schuld auf die Devisenzuflüsse schieben. Wenn ein Unternehmen gezwungen ist, über die ihm zufließenden Geschäftserlöse laufend wieder zu disponieren, dann kann es sich schwerlich "dicke Liquiditätspolster" schaffen – ganz gleichgültig, ob die Erlöse ausschließlich aus dem Inlandsgeschäft stammen oder aus dem Export.

Neben den Devisen-Überschüssen sollte man also noch etwas anderes sehen: Jenes Maß an Überliquidität, von dem immer wieder als der Ursache der Übernachfrage die Rede ist, entsteht zu einem erheblichen Teil aus finanziellen Überschüssen, die jeweils im eigenen Unternehmen (also etwa durch Selbstfinanzierung von Investitionen) nicht unterzubringen waren, und gegen deren normale, langfristige Anlage an anderer Stelle offenbar Bedenken bestehen, die praktisch so gut wie unüberwindbar sind. Oder anders ausgedrückt: Wissen die Großbetriebe nicht mehr, wohin mit den Gewinnen?