Seit einiger Zeit häufen sich die Berichte, in denen es heißt, daß die zusätzliche Arbeit an Ausdehnung gewonnen hat. Das "weiß" man in der Großstadt kaum; in den besser überschaubaren Verhältnissen der Klein- und Mittelstädte aber ist sehr wohl bekannt, wieviel an Überstundenarbeit geleistet wird, und dazu, nach Feierabend und übers Wochenende, an Schwarzarbeit oder auch völlig legal, in einem "zweiten Arbeitsverhältnis".

Das paßt freilich durchaus nicht ins gewerkschaftliche Konzept, wonach weitere Fortschritte in der Arbeitszeitverkürzung fast noch wichtiger sein sollen als Lohnaufbesserungen, die ja – jetzt – auch beinahe "von selber kommen". Verständlich also, daß die Gewerkschaften bemüht sind, solche auf Mehrarbeit gerichteten Tendenzen, wenn sie schon nicht zurückzudrängen sind, dann doch wenigstens nicht unnötig publik zu machen. Andererseits entspricht es durchaus der marktwirtschaftlichen Logik, in Zeiten der Hochkonjunktur mitzunehmen, was mitzunehmen ist. Dieser Logik gegenüber ist der Arbeitnehmer so aufgeschlossen wie der Unternehmer.

Daß damit auch die Gefahren einer konjunkturellen Überspannung wachsen, ist in der Theorie längst klar, und wird nun selbst in Äußerungen von amtlicher Seite so ernst und so nachdrücklich hervorgehoben wie kaum je zuvor. Zeugnis hierfür ist der zu Monatsanfang veröffentlichte "Lagebericht" des Bundeswirtschaftsministers, in dem erstmalig nicht bloß von einer Hochkonjunktur gesprochen wird, sondern expressis verbis von einer "übersteigerten" Hochkonjunktur. "Von Monat zu Monat wächst der Umfang an unerledigten Aufträgen bei der Industrie; die Fertigwarenvorräte der Produzenten gehen zurück, und die Lieferfristen werden länger." Die Gesamtnachfrage, so heißt es, expandiert "vorerst noch unverändert" immer weiter, wobei Inlandsinvestitionen, Exportboom, steigende Staatsausgaben und wachsender privater Verbrauch zusammenwirken.

Damit wären im wesentlichen nur die Symptome beschrieben; über die Ursachen aber wird kaum mehr gesagt als das, was bisher eigentlich ständig angeführt worden ist: die immer noch reichliche Geldversorgung, die auf hohe Devisenüberschüsse und daneben auch auf eine beträchtliche Kreditschöpfung zurückgeht.

Das ist zwar "richtig", reicht aber noch nicht für eine wirkliche Analyse des Geschehens aus. Auf die Dauer kann man sich schwerlich damit zufriedengeben, daß immer nur von der "Liquiditätsfülle" als der Wurzel allen Übels gesprochen wird.

Woher kommt denn dieses Übermaß an Liquidität? Offenbar nicht (oder doch nicht primär) von den Banken: sondern von den Einlagen, die sich bei ihnen anhäufen, trotz stärkster Investitionstätigkeit und trotz einer – wie der hohe Kapitalzins zeigt – beträchtlichen Nachfrage nach langfristig disponierbaren Geldern. Liquiditätsfülle und Expansion im kurzfristigen Kreditgeschäft – das reimt sich wahrlich schlecht zusammen: wenn dergleichen nebeneinander besteht, dann müssen doch wohl schwerwiegende Funktionsstörungen gegeben sein.

Schließlich sollte man auch nicht alle Schuld auf die Devisenzuflüsse schieben. Wenn ein Unternehmen gezwungen ist, über die ihm zufließenden Geschäftserlöse laufend wieder zu disponieren, dann kann es sich schwerlich "dicke Liquiditätspolster" schaffen – ganz gleichgültig, ob die Erlöse ausschließlich aus dem Inlandsgeschäft stammen oder aus dem Export.

Neben den Devisen-Überschüssen sollte man also noch etwas anderes sehen: Jenes Maß an Überliquidität, von dem immer wieder als der Ursache der Übernachfrage die Rede ist, entsteht zu einem erheblichen Teil aus finanziellen Überschüssen, die jeweils im eigenen Unternehmen (also etwa durch Selbstfinanzierung von Investitionen) nicht unterzubringen waren, und gegen deren normale, langfristige Anlage an anderer Stelle offenbar Bedenken bestehen, die praktisch so gut wie unüberwindbar sind. Oder anders ausgedrückt: Wissen die Großbetriebe nicht mehr, wohin mit den Gewinnen?