Von Paul Hühnerleid

Im vergangenen Herbst lasen wir des Jugoslawen Ivo Andric Roman "Die Brücke über die Drina", der vier Jahrhunderte abendländisch-morgenländischer Geschichte in Einzelschicksalen ausbreitete; allen, die fasziniert waren von der poetischen Prosa des heute 68jährigen Mannes aus Travnik in Bosnien, empfehle ich seinen Novellenband, der jetzt vorliegt und 17 Geschichten vereinigt, die zwar nicht alle Meisterwerke sind (das wäre zuviel verlangt), von denen aber einige als Meisterwerke gelten dürfen – und vor allem: die sämtlich durchzogen werden von einem dichterischen Atem, an dem man den großen Erzähler erkennt, dessen Worte nicht zur Kenntnis zu nehmen sich ein an guter Prosa interessierter Leser gar nicht erlauben kann –

Ivo Andric: "Die Geliebte des Veli Pascha‘; Steingrüben Verlag, Stuttgart; 349 S., 16,50 DM.

Es war richtig vom deutschen Verleger, "Die Geliebte des Veli Pascha" zur Titelnovelle zu machen. Denn diese Arbeit ist nicht nur die längste, im Ansatz anspruchsvollste, sondern auch die beste des Bandes:

Der Oberbefehlshaber der türkischen Truppen in Bosnien, ein Mann, der sich, als er zum zweiten Male – und in der eben erwähnten Position – nach Bosnien versetzt wird, "immer mehr dem Trunk ergab ... nur zechte er jetzt im geheimen und völlig allein", erlebt im Alter ein Gefühl, das er gar nicht mehr kannte, vielleicht nie gekannt hat: die Liebe.

Die Geliebte des Veli Pascha, der "schweigsamer und jähzorniger war als ehedem", ist die 16jährige Mara; sie "hatte große taubenblau: Augen vom blinden Glanz des Porzellans, die sich selten und langsam bewegten".

Mara zieht in das Haus des verbitterten alten Mannes, beginnt ihn zu lieben auf eine Weise, die ihm anders vorkommt als die, auf die er bisher geliebt worden ist.