Von Josef Müller-Marein

Gerade hatte er seinen 85. Geburtstag gefeiert – diese Freude hat Freund Hein ihm noch gelassen, dann nahte er ihm respektvoll und still: Eine tiefe Ohnmacht kam über den alten Kämpen. Ein einziges Mal hat er nicht gemerkt, daß der Vorhang fiel – bei seinem Tode,

In seinem Häuschen in Kladow bei Berlin hatte Jakob Tiedtke den größten Kellerraum als Kneipe eingerichtet, deren "Möblemang" er mit viel Sorgfalt und Sachkenntnis zusammengebracht hat. "Aller echt", raunzte er. Das ausgebeulte Ledersofa mit den quietschenden Sprungfedern stammte aus der Gegend von Moabit; aus Neukölln (wo Tiedtke geboren wurde, als diese Stadt noch Rixdorf hieß) kam das Glasschränkchen, das auf der Theke stand, Inhalt: eine Schüssel mit Bouletten, ein Topf mit Soleiern. Das Bier strömte direkt vom Faß durch Kupferleitungen ("hygienisch, wa?"). Es wurde frisch gezapft. Oben, im "Salong" mit dem Blick auf die Havel, hielt Frau Hanna "Kaffeeklatsch", seine reizende, viel jüngere Gattin mit ihrem zugleich vornehmen und behäbigen baltischen Akzent, die ihrem Manne, wie er sagte, als "Souffleuse und Schofföse" diente, weil er mit ihr seine Rollen memorierte und weil sie ihn nach Berlin ins Theater kutschierte. Unten, in Tiedtkes eigener Kellerkneipe, saßen wir so manches Mal. "Los!" sagte Tiedtke, "Lügen!"

Er war – muß man wissen – dem Worte "Lügen" nicht feind. Nicht umsonst hat er seine nachgelassenen Lebenserinnerungen "Aufrichtigkeiten eines ermüdeten Lügners" genannt.

Jakob Tiedtke hatte die private Doppelbegabung, daß er ein herzerwärmender Geschichtenerzähler (oh, diese heisere, manchmal tief bellende Stimme!) und ein überaus neugieriger Zuhörer war. "Ich bin der einzige", sagte er, "der noch glaubt, daß ich mal jung war," Übrigens: Da er sich – anders als die meisten Schauspieler – nicht wichtig nahm, hatte er das Recht ("ick nehm’ mir det heraus!"), alles durch die eigene Brille zu sehen. "Also, sieh ma: det ‚Dritte Reich‘...", sagte er, als eben dieses Reich noch in Blüte stand, "ick kannte den Mann vom ‚Lokalanzeiger‘, der ‚Schturm, Schturm, Schturm‘ mit dem Refrain ‚Deutschland, erwache!‘ gedichtet hatte: immer magenkrank und schlecht gelaunt, aber sonst ’n seelenjuter Mensch! Det kann nich jutjehen. Dietrich Eckart hat er jehießen."

Er hatte auch Heinrich Zille gekannt (und geduzt). Er war noch Fontane vorgestellt worden. "Da war ’n vornehmer Mensch! Jibt’s heut’ ja nich mehr, diese Typen!" Gerhart Hauptmann hatte das Stück "Peter Brauer" eigens für Jakob Tiedtke geschrieben, aber die Erinnerung’ galt mehr der Tatsache, daß der Dichterfürst einmal Kleists "Zerbrochenen Krug" inszeniert hatte; Dorfrichter Adam war er, Tiedtke. "Ich wollte dem Hauptmann seine Regie-Ideen verkörpern und paßte uff wie’n Schuljunge: janz jehemmt. Da sagte Hauptmann janz erhaben: ‚Dem Tiedtke lassen wir die Zügel schießen!‘ Det war die beste Regie-Idee. ,Tiedtke, laß schießen!’ Ick schoß" – "Herzerwärmend", so hatte Gerhart Hauptmann Tiedtkes Kunst genannt.

Tiedtkes füllige Figur, seine rauchige Stimme, der Blick aus seinen Kinderaugen – all das war sehr populär (man denke; 600 Filmrollen!). Aber nicht jeder war sich darüber klar, daß die Größe dieses komischen Darstellers darin lag, daß er die Übertreibung mied. Er strebte nach Maß, nach Natürlichkeit und war im Privatleben stolz darauf, daß die Leute ihm sagten: ,Wüßte ich nicht, daß Sie der Tiedtke sind, nie würde ich Sie für den Tiedtke halten!’ Will sagen: man erkannte den Schauspieler nicht in ihm. ‚Ick bin normal‘; darauf war er stolz. Und gerade deshalb und wegen der herzlichen rührenden, leisegestimmten Wirkungen seiner Kunst – die piano klang, auch wenn er polterte –, haben alle großen Regisseure von Max Grube über Reinhardt und Barnowsky bis zu Gründgens, ihn für den großen, bei uns so seltenen humoristischen Schauspieler gehalten und ihn entsprechend geehrt.

Ein Satz von Tiedtke ist berühmt geworden und sollte so oft zitiert werden wie nur möglich: "Das Berlinertum ist eine Religion. Es steht neben dem Islam und ist wie jede Religion erlernbar, setzt aber eine gewisse humoristische Veranlagung voraus!"