Ein Kapitel falsch verstandener Freiheit

In Bremen wurde kürzlich eine Mädchenschulklasse über ihren Geschmack und ihre Wünsche auf dem Gebiete der Musik befragt. Das Ergebnis war weder erhebend noch erstaunlich: Nur 9 vH wünschten klassische Musik, 11,5 vH erwärmten sich für das Volkslied, 1,4 vH erklärten sich für den Jazz, 77,1 vH aber begeisterten sich für den Schlager und die Schnulze.

Nehmen wir bloß einmal das Mißverhältnis zwischen Jazz (der eine legitime Form modernen und dabei doch ganz gewiß nicht geistig überanstrengenden Musizierens ist) zu Schlager und Schnulze, die, zumal durch die Beschaffenheit ihrer Texte, Verblödungsmittel ersten Ranges sind. Das ergibt ein Bild, das verantwortungsbewußte Pädagogen stutzig machen müßte.

Nun aber erst die Begründungen! Da wurden Sätze folgender Art laut: "Wir Teenager von heute lieben Conny, weil sie so schön glucksen kann." Und: "Wir wollen Elvis Presley hören, weil er so schön schreit." Steht man da – Jugend hin, Jugend her – nicht vor derselben rauschsüchtigen Hohlköpfigkeit, die sich schon immer als so gefährlich aufnahmewillig für jederlei wuchernden Irrsinn erwiesen hat, wenn er nur mit entsprechend aufreizenden Gebärden daherkommt? Hat nicht schließlich auch Hitler so viele mitgerissen, nur weil er so schön glucksen und schreien konnte?

Wie aber reagierte die zuständige Schulbehörde? Sie erbot sich, jene "Bildungswünsche" der ihr anvertrauten Jugend an den Rundfunk weiterzuleiten, damit ihnen Erfüllung zuteil werde...

Die Schule dient auch damit höheren Zwecken – wenngleich nicht erzieherischen (was sie eigentlich sollte), so doch gewissermaßen volkswirtschaftlichen. Denn, wie eine Feststellung des "Verbandes Münchner Tonkünstler" besagt: Es waren beispielsweise 1959 in der Bundesrepublik 529 Komponisten, 117 Text-"Dichter" und 164 Verleger damit befaßt, den Ansprüchen und Erwartungen der Teenager beiderlei Geschlechts und jeden Alters ihre geistige Nahrung zu liefern. Wer dürfte sich da erlauben, ein so solides Erwerbsleben durch kulturelle Einwände stören zu wollen. Walter Abendroth