Von Helmut Vogel

Feingebildete Kreise in der Bundesrepublik durften vor einiger Zeit das Wiedererklingen einer lange verstummten Melodie entzückt und dankbar vernehmen –

Friederike Kempner: "Der schlesische Schwan", Gedichte, herausgegeben von Gerhart Herrmann Mostar; Heidenheimer Verlagsanstalt, Heidenheim; 159 S., 1 Abb., 6,80 DM.

Friederike, jene Rittergutsbesitzerstochter des vergangenen Jahrhunderts, als schlesische Nachtigall zu preisen, ist man mit Recht nicht müde geworden. Der verdienstvolle Herausgeber hat mit dem gebührenden Nachdruck darauf hingewiesen, daß trotz aller Versuche der offenbar amusischen Verwandten der Künstlerin, das Erscheinen der Gedichte zu verhindern, das Publikum bereits damals sich stürmisch um jedes neue Bändchen riß – wieder einmal ein Beweis dafür, daß das wahrhaft Große und Schöne sich eben doch durchsetzt.

Auch in meiner Familie haben sich die seelenvollen Verse der Dichterin von Generation zu Generation fortgepflanzt – vor allem riß uns die ethische Wucht jener Ballade von einem Räuber hin, der an der Meeresküste auf seine Opfer, wartet, mit dem dann angesichts der Unendlichkeit seltsame Dinge vorgehen und von dem es in der Schlußstrophe heißt:

Der Räuber liegt am Strande,

und lauschet den Akkorden,