Die Geschichte eines menschlichen Ereignisses – Nach vierzehn Jahren beendete die Care-Mission ihre Arbeit in Deutschland – Neues Ziel: Entwicklungsländer

Von Manfred Sack

So unauffällig, wie es angefangen hatte, hat es aufgehört. Kein Präsident, kein Minister, nicht einmal ein auf Publicity bedachter Manager hielt eine Rede. Niemand war geladen. Der Auszug vollzog sich still. Das letzte, was offiziell davon Kunde gegeben hatte, war eine Agenturmeldung von wenigen Zeilen gewesen, die in den letzten Apriltagen dieses Jahres verbreitet worden war und heute fast vergessen ist. Sie begann mit dem Satz: "Die Care-Hilfsaktion für die Bundesrepublik wird am 30. Juni 1960 eingestellt."

Ein wenig ungläubig liest man es zum zweitenmal: Care? Es ist so. Jene Aktion, die einst bei vielen Menschen überschäumende Freude verursachte, die den verschütteten Glauben an die Menschlichkeit der Menschen wieder hervorrief und manchem buchstäblich das Leben rettete – sie ist Erinnerung geworden. Nach vierzehn Jahren hat nun die Care-Mission ihr Büro für Mittel- und Nordeuropa in Bad Godesberg geschlossen. Die Bundesrepublik bedarf dieser Hilfe nicht mehr; sie ist ein wohlhabendes Land geworden, das seit fünf Jahren selbst zu den Spendernationen gehört und das genug Kraft besitzt, die Not in den Niederungen seines Wohlstandes selbst zu lindern. Der Dank hat sich – neben den unzählbaren persönlichen Briefen – in der "Dankspende des deutschen Volkes" niedergeschlagen; bisher sind dafür ungefähr 2,3 Millionen Mark gesammelt worden. Die offizielle Anerkennung fand das Werk der Care-Organisation am vergangenen Dienstag: Bundeskanzler Adenauer überreichte dem Care-Präsidenten Harold S. Miner und dem Care-Generaldirektor Richard W. Reuter das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik.

Das ist die Care-Bilanz in unserem Land: Seit August 1946 hat diese Organisation Liebesgaben für genau 346 104 612 Mark (nach deutschem Inlandwert: fast 400 Millionen Mark) nach Deutschland geschickt und hier verteilt, dazu noch Kleidung, Stoffe, Wolle, Decken und andere Textilien im Werte von 14,5 Millionen Mark und für 3,5 Millionen Mark landwirtschaftliche Geräte, Werkzeuge, wissenschaftliche Instrumente, Bücher und anderes. Frank Gioffo, der New Yorker Care-Direktor, gab diese Zahlen kürzlich in Bad Godesberg bekannt. Er fügte indessen hinzu, daß den Berlinern und den Flüchtlingen aus der Sowjetzone auch fürderhin geholfen werde. Dazu bedürfe es freilich keines eigenständigen Büros mehr auf deutschem Boden. Care wirkt heute in 27 Ländern.

Der Anfang

So hatte es begonnen: Wenige Wochen schon, nachdem die letzten Schüsse des Zweiten Weltkrieges in Europa verhallt waren, riefen die Elendsnachrichten zwei Amerikaner auf den Plan. Es waren Arthur C. Ringland, Chef der Aufsichtsbehörde für Kriegshilfe beim amerikanischen Präsidenten, und Dr. Lincoln Clark von der UNRRA. Sie erinnerten sich Herbert C. Hoovers wohltätiger Unternehmungen im Ersten Weltkrieg und regten einen Pakethilfsdienst für die leidenden Menschen der Alten Welt an. Wallace J. Campbell, Direktor des amerikanischen Genossenschaftsverbandes, fing den Ball auf, den ihm die beiden zuwarfen. Er hielt die Aufgabe für wichtig genug, alle Organisationen zu gemeinsamem Tun zu beflügeln: religiöse Vereinigungen, aber auch Arbeiter-, Genossenschafts- und Wohlfahrtsverbände. Campbell gelang das Bemerkenswerte zusammen mit zwei Mitstreitern (deren einer, Thomson, beim Flug nach Deutschland tödlich verunglückte). Er mobilisierte 21 Organisationen – heute sind es 26 – für die private Auslandshilfe. Sie öffneten ihre Kassen und brachten als Anfangskapital 3,15 Millionen Mark zusammen.