Widersprechende Zeugenaussagen im Pohlmann-Prozeß – Reichen die Indizienbeweise aus?

G. Z., Frankfurt

Der Fall Nitribitt begann wie ein Kriminalreißer: In einem Appartementhaus im Zentrum einer Großstadt stapeln sich vor einer Wohnungstür die Brötchentüten. "Hier stimmt etwas nicht!" sagen sich die Hausbewohner und alarmieren die Kriminalpolizei. Hinter der Tür, vor der sich die Semmeln stapeln, wohnt eine alleinstehende junge Dame, die ihre Zeit damit verbringt, Herrenbesuch zu haben. Das ist ihr Beruf.

Auch die Jahreszeit ist passend gewählt. Der Oktober geht zu Ende. Gerade die richtige Jahreszeit für düstere Geschichten. Und dann kommen die Kriminalisten ins Haus, öffnen mit kundiger Hand die Tür – und finden eine Leiche. "Erwürgt", stellt der Polizeiarzt fest. Es ist kein erfreulicher Anblick. Die kleine Lampe am Plattenspieler brennt noch. Es ist alles so, wie man es in Kriminalromanen oft gelesen hat.

Aber es ist alles Wirklichkeit. Der Mann, der jetzt auf der Anklagebank im Schwurgerichtssaal 146 des Frankfurter Landgerichts sitzt, ist "echt". Aber es zeigt sich auch, daß nur bei den Requisiten dieses Mordfalls Roman und Wirklichkeit übereinstimmen.

"Dumm, mißtrauisch, geizig"

In einschlägigen Romanen und Filmen ist die leichte Dame, die so früh sterben muß, ein "Luder mit Herz" und läßt ihre Tochter in einem Schweizer Pensionat erziehen. Sie ist intelligent und betreibt ihr Gewerbe mit Würde. Die "echte Dame" dagegen, Rosemarie Nitribitt, wird von den Zeugen als "dumm, mißtrauisch und geizig" charakterisiert. Der Amtsgerichtsbeschluß, in dem für die vierzehnjährige Rosemarie die Fürsorgeerziehung angeordnet wurde, ist noch deutlicher: uneheliches Kind einer schwachsinnigen Mutter, geistig und sittlich verwahrlost, frech und herausfordernd; ihre Zuneigung galt weniger den Schularbeiten als freigiebigen Besatzungssoldaten. Und schließlich tauchte sie dann auch – nach erfolgreicher Flucht aus dem Erziehungsheim – in drittklassigen Absteigequartieren unter.