Wien, im Juli 1960

Die sozialistische "Arbeiterzeitung" schrieb: "den sowjetischen Staatsmann Chruschtschow begrüßen wir aufrichtig und freundschaftlich", fügte aber hinzu: "Mit dem kommunistischen Parteifunktionär ist es nicht dasselbe... Er kommt in ein Land, von dem er sicherlich weiß, daß hier seine, die Kommunistische Partei, nichts, gar nichts bedeutet. Sie ist in der österreichischen Politik die letzte Null."

Es hat Beobachter gegeben, die das zwar erfrischend aufrichtig fanden, aber bezweifelten, daß die Bevölkerung auf der Höhe so delikater Unterschiede stehe oder aus diesem "einerseits" und "andererseits" das richtige Verhalten ableiten könnte. Gerade das ist aber der Fall. Erst hat man sich ein wenig Luft machen müssen. Dann hat man die Unbefangenheit wiedergewonnen. Und man ist dem Gast mit höflicher Distanz begegnet. Es gab Fahnen, aber kein Fahnenmeer. Es gab nirgends Massen, aber auch keine demonstrativ leere Straßen. Es gab vereinzelte Akklamationen, aber nirgends wirklichen Beifall, wenn man von einer Automobilfabrik absieht, in der die Kommunisten über eine Mehrheit verfügen.

So können allfällige Klagen der Russen leicht abgewehrt werden. Wie – die Stadt habe nicht geflaggt? Aber es ist doch in Wien nicht üblich, bei Staatsbesuchen zu flaggen! Hat man etwa beim Besuch des Schah von Persien geflaggt? Na sehen Sie!

Auf jedes Wort aber, das die österreichischen Repräsentanten sprachen, hat die Bevölkerung genau geachtet. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß sie jede Anbiederung übelgenommen hätte. Sie hat es dem Bundespräsidenten hoch angerechnet, daß er den Mut fand, seinem Gast mit den Worten zuzutrinken "Sie befinden sich in einer Republik, deren Verfassung auf jenen Grundgedanken der parlamentarischen Demokratie beruht, die zuerst von den Gründern der Vereinigten Staaten von Amerika entwickelt wurden..."

Da dieses Soll an Zivilcourage aber erfüllt war, hinderte nichts einen daran, das Anekdotenhafte dieser Reise Chruschtschows zu genießen. Da waren die Gattin Nina Petrowna die kulturgewaltige Jekatarina Furzewa der blondgelockte Schwiegersohn Alexej Adshubej, der interessante Literat Jurij Schukow und noch viele andere Herren und Damen, die ich auf einem Zettel notierte, der inzwischen leider verloren ging. Freunde sagten mir, ich solle Kossygin nicht vergessen, der als Wirtschaftsexperte und stellvertretender Ministerpräsident die Rolle des "österreichischen" Malinowski zu spielen hätte.

Währenddessen sind die Experten dabei, das Verhalten und die Aussprüche Chruschtschows zu analysieren. Sie wollen ausfindig machen, welche Schlüsse sich daraus für die Weltpolitik ziehen lassen. Hierbei ergeben sich folgende Punkte: Erstens, daß Chruschtschow, der einen persönlich etwas müden Eindruck machte und der die Glocknertour mit einer Übernachtung in einer Höhe von über 2500 Meter nicht riskierte, sich im Allgemeinen zurückhielt, daß er die Koexistenz und die Neutralität pries und von seinen Gegnern im Westen nur in allgemeinen boshaften Ausdrücken sprach. Zweitens – und das scheint vielen das Wichtigste –, daß er sagte, es dürfe keinen neuen Krieg geben, da niemand ihn gewinnen könnte. Zum dritten wäre ein Privatissimum zu erwähnen, das Chruschtschow dem sozialistischen Vizekanzler und dem Außenminister Kreisky über Berlin gelesen hat.