b.k., Berlin

Der 17jährige Reichsbahnarbeiter Lothar Kuben aus Falkensee bei Berlin ist zu unerwarteter Berühmtheit gekommen, seitdem er in den Morgenstunden des 21. Juni auf dem Bahnhof Staaken von zwei ihm fremden jungen Männern angesprochen wurde. Ob sie sich schon auf Westberliner Gebiet befänden, wollten die beiden wissen. Kubert, Bewohner des sogenannten Zonenrandgebietes und Bürger der "DDR", brauchte nicht viel Phantasie, um zu erkennen, daß die beiden "republikflüchtig" und auf dem Wege aus der Sowjetzone nach Westberlin waren.

Der Reichsbahnarbeiter antwortete mit ‚Ja‘. Ob diese Antwort richtig oder falsch war, wird noch Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen sein, denn die Grenze zwischen der Sowjetzone und Westberlin verläuft mitten durch den Ortsteil Staaken. Jener Teil des Bahnhofs, auf dem das kurze Gespräch zwischen Kubert und den ortsunkundigen Reisenden stattfand, liegt auf Westberliner Gebiet. Da jedoch der Betriebsdienst von der Reichsbahn wahrgenommen wird, gehören nach Meinung der Sowjetzonen-Behörden "der S-Bahnhof Staaken, die Gleis- und Signalanlagen, das Stellwerk und die Diensträume zum Hoheitsgebiet der DDR".

In einem Dienstraum des S-Bahnhofs Staaken entschied sich das Schicksal der beiden ortsfremden Reisenden. Kubert hatte sie dort hineingeführt, nachdem er ihnen gesagt hatte, er werde einen Westberliner Polizisten benachrichtigen. Dann alarmierte er einen Volkspolizeiposten. Die beiden Flüchtlinge wurden festgenommen und in die Sowjetzone abtransportiert. Die Zonenpresse meldete, den DDR-Sicherheitsorganen sei ein guter Fang gelungen. "Bei einem dieser Elemente" habe es sich um den mehrfach vorbestraften Manfred Brozeit aus Stendal gehandelt, der wegen Diebstahls ein Verfahren zu gewärtigen hatte. Sein "ebenfalls vorbestrafter Kumpan" Klaus Sandeck habe bei der Flucht behilflich sein wollen. "Beide hatten die DDR schon mehrmals illegal verlassen und waren als arbeitsscheue Elemente bekannt,"

Der jugendliche Eisenbahner Kubert wurde am späten Nachmittag des 27. Juni ebenfalls festgenommen, aber nicht von der Volkspolizei, sondern von der Westberliner Polizei. Er war auf dem Weg vom Bahnhof zum Stellwerk, um die Signallampen anzuzünden und aufzustellen. In dramatisierender Form berichtete das Zentralorgan der SED "Neues Deutschland": "... Fast hatte er das Stellwerk erreicht. Da springen drei Zivilisten auf ihn zu, überwältigen ihn und zerren ihn mit sich fort." Kubert wird vorgeworfen, er habe Beihilfe zum Menschenraub geleistet.

Die Zuschauer des SFB-Regionalprogramms sahen das dümmliche Gesicht dieses jungen Mannes, der vor dem Mikrophon das linkische Gehaben eines unterdurchschnittlich Begabten zeigte. Ungelenk formten sich die Worte im heimatlichmärkischen Dialekt. Er gab freimütig zu, ihn habe das Kopfgeld gelockt, das die Regierung der Sowjetzone jedem gewährt, der eine Republikflucht verhindert. Pro Kopf sind fünfzig Mark ausgesetzt. Lampenwärter Kubert hätte also hundert Mark bekommen müssen. Ihm wurde aber nur die Hälfte ausgezahlt, und die verjubelte er bei einer Geburtstagsfeier. Jetzt wartet er in Westberliner Haft auf ein strafrechtliches Verfahren.

Es wird ein delikater Fall werden, denn der Täter Kubert ist DDR-Bürger, die beiden Flüchtlinge waren es gleichfalls im Augenblick der Festnahme, und der erfolgreiche Denunziant wurde ebenso wie seine Opfer auf dem Gelände der Reichsbahn festgenommen. Überdies hatte der junge, geldgierige Eisenbahner – formal gesehen – nichts anderes getan, als die für ihn gültigen Gesetze beachtet. Er hätte sich sogar bei der DDR-Justiz dem Vorwurf der Beihilfe und der Begünstigung ausgesetzt, wenn er den beiden Flüchtlingen geholfen hätte.