Ein Rundgang durch die großen und kleinen Sportartikel-Ausstellungen, die in diesem Jahr mehr als je zuvor an vielen Orten veranstaltet werden, läßt erkennen, daß das Campingleben luxuriöser wird. Der wachsende Wohlstand und die vermehrte Freizeit sind es, die der Sportartikelindustrie ein vielfältiges Angebot von Urlaubsutensilien und hoher Qualität und noch höherem Komfort abverlangen. Der "Camper" will seinen Urlaub nicht mehr unter primitiven Umständen verleben, sondern mit Komfort und Bequemlichkeit genießen. Und er wünscht in zunehmendem Maße Exklusivität.

Um diesem Verlangen gerecht zu werden, haben in letzter Zeit über 50 westdeutsche Hersteller von Wohnwagen, ans Auto anzuhängen, 120 verschiedene Modelle vorgestellt. Und es ist erstaunlich, wie gut sie diese Wagen absetzen. Die Produktion der bekanntesten Firmen ist für 1960 bereits ausverkauft. Nicht weniger schnell finden auch die ausländischen Modelle in Westdeutschland ihre Käufer. Das Interesse richtet sich vornehmlich auf Caravans, die von Personenwagen der Mittelklasse gezogen werden können. Aber es gibt auch kleine, leichte Sperrholz- und Leichtmetallanhänger, die wie modernisierte Schäferkarren anmuten und meistens nicht mehr als 2000 Mark kosten. Höheren Ansprüchen dienen geräumige Luxusanhänger mit drei Zimmern und nahezu tausend Kilogramm Eigengewicht bei einem Kaufpreis von 12 000 bis 14 000 Mark. Am meisten werden jedoch die Caravans der mittleren Preisgruppe gekauft, die Reiseanhänger zwischen 4000 und 6000 Mark.

Das Caravaning – die Methode also, seinen Urlaub in einem solchen Wagen zu verleben – kann ein kleines Vermögen kosten, wenn man auf die vielen Zusatzgeräte und Ausstattungsgegenstände eingeht, die das Campinggewerbe bereit hält: raffiniert konstruierte Kühlschränke, Propangasanlagen, Kleiderschränke, Klappbetten mit Schaumgummimatratzen, Wasserskis und aufblasbare Schwimmbecken, um nur einige zu nennen. Indes kann man viele Campingfreunde finden, die einem vorrechnen, welche Vorteile das Reisen per Wohnwagen bietet: man sei unabhängig vom Wetter, nie brauche man sich in der Saison um Zimmer zu bemühen, Fahrpläne würden nicht zum Alpdruck, und wenn man wolle, könne man dreimal am Tage die Garderobe wechseln oder an beliebiger Stelle ein Mittagessen kochen. Kurzum: man sei zwischen den vier Wänden des Wohnwagens sein eigener Herr – wenn auch die Enge manchmal wehe tut.

Die meisten Wohnwagenbesitzer finden sich unter den gut verdienenden Kaufleuten, den Fabrikanten, Ärzten, höheren Beamten und den freien Berufen. Ihre mehr oder weniger komfortablen Wohnwagen teilen sie, je nach Größe der Familie, in eine Koch-, Wohn- und Schlafzone ein. Bei dieser Tüftelei finden schließlich auch der Pudel und der Käfig mit dem Wellensittich ihren Platz. Für Rallies nach Frankreich, Großbritannien und Holland melden sich in der Regel viele westdeutsche Teilnehmer, denn es ist bekannt, daß sich die Camper in jenen Ländern besonders gut auf die Kunst des Wohnwagenreisens verstehen. Die Engländer scheinen die versiertesten zu sein; sie haben unter anderem festgestellt, daß es in einem Wagen mit dunkler Lackierung erheblich wärmer ist als in einem Anhänger mit weißem Außenanstrich. Die Franzosen haben gar einen Wohnanhänger konstruiert, der zugleich als Wohnschiff benutzt werden kann. Andere Caravans lassen sich wie ein Faltboot zusammenklappen. Kurios sind meistenfalls die Modelle für den Eigenbau.

Passionierte Wohnwagenreisende sind zu jeder Jahreszeit unterwegs. Sie fahren mit ihrem Anhänger in die Osterferien, in den Sommerurlaub an die See, zur Weinlese und zum Skilauf.

Übrigens mehren sich bei uns – wie in den anderen Ländern – die Fälle, daß sich Berufsreisende, Handelsvertreter vor allem, einen Wohnwagen anschaffen, um von der abendlichen Suche nach einem Hotelzimmer enthoben zu sein. Die amerikanische Methode, per Wohnwagen von Ort zu Ort seiner Arbeitsstelle nachzureisen oder seine Stellung zu wechseln, sobald sich eine bessere Verdienstmöglichkeit bietet, läßt sich auch schon in Westdeutschland verschiedentlich beobachten. Mehrere Firmen haben eigens Großwohnwagen konstruieren lassen, um bei häufigen Messe- und Ausstellungsbesuchen ihre Mitarbeiter darin unterzubringen.

Das Caravaning ist flügge geworden, und es braucht nicht wunder zu nehmen, wenn es hierzulande bei dem Mangel an Hotelraum und angesichts der allgemeinen wirtschaftlichen Prosperität rasch zu einer neuen Lebensgewohnheit wird. Allerdings verfolgt mancher diese Entwicklung mit Bedenken. Bundesverkehrsminister Seebohm zum Beispiel ist der Meinung, daß jeder Wohnwagen für den ohnehin schon wachsenden Verkehr und für unser Straßennetz eine Belastung ist. Auch von dem Wort "Caravaning", das offenbar künftig in unserer Sprache existieren soll, nachdem das Wort "Camping" ohne großen Widerspruch darin aufgenommen wurde, ist der Minister nicht sehr angetan. Dem Mitarbeiter einer Caravaning-Zeitschrift – auch die gibt es schon ("Caravaning – die Zeitschrift für Caravan-Anhänger", in deutscher Sprache, Paris 1, Place du Théâtre Français; erscheint monatlich; Heft 1,70 D-Mark) – empfahl er, bei der "Gesellschaft für deutsche Sprache e. V." in Lüneburg um "ein gutes deutsches Wort für eine neue Sache" anzufragen. H. D. Kley