Von Gottfried Sello

Maurice Utrillo und Suzanne Valadon sind bis September im Haus der Kunst in München ausgestellt. Die Eröffnung der Ausstellung muß schrecklich gewesen sein. Die Künstlerwitwe, Madame Lucie Valore-Utrillo, kam nach München, hielt Hof, kostbar aufgetakelt, millionenschwer, ließ sich vor den Bildern des Verstorbenen photographieren, auch vor den eigenen Bildern. Madame ist Künstlerin, Malerin, drei Werke von ihrer Hand wurden ins Haus der Kunst aufgenommen, sie hängen im letzten Raum, wo die "Dokumentation" untergebracht ist, die schauerlichen Dokumente, Photographien, Briefstelbn, Urkunden vom Leben eines peintre maudit.

Madame Valore wollte im Leben Utrillos die Rolle des rettenden Engels spielen. Sie nahm (1936) den längst Zerbrochenen, Ausgebrannten unter ihre mächtigen Fittiche. Sie hatte Geld und Energie, Utrillo lebte fortan im Luxus, die Villa hieß La Bonne Lucie. Ein goldener’ Käfig schützte ihn vor Not und Exzessen und Verzweiflung, den ihm unentbehrlichen Mitteln der Inspiration. Im Oktober 1955, einen Monat vor seinem Tod, wird ihm und seiner Gattin im Rithaus von Paris die "Medaille d’Or de la Ville de Paris" überreicht (das Kreuz der Ehrenlegion hat Utrillo schon 1928, Madame Valore 1954 erhalten).

Wie sehr ist die Goldmedaille verdient! Utrillo ist "der Maler von Paris". Sein Werk hat die Liebe zu Frankreichs Hauptstadt in aller Welt gefördert, sogar der Tourismus hat von ihm profitiert, Viele haben sich in das von Utrillo gemalte Paris verliebt, bevor sie die Stadt selbst überhaupt gesehen haben. Dabei ist sein Paris nur ein winziger Ausschnitt, nur Montmartre und ein paar Vorstadtstraßen. Nichts sonderlich Aufregendes und nicht einmal Typisches. Die Kleinstadt in der Weltstadt, anachronistische Provinz. La Butte, La Place du Tertre, Le Moulin de la Galette und die beiden andern Mühlen von Montmartre, die ein bißchen Dörflichkeit vortäuschen, und Sacre-Coeur, diese scheußliche Zuckerbäckerei, und die steilen Treppen, die da hinaufführen, und die kleinen Bistros, Epicerien, Schankwirtschaften, dazu die Mauern, die bröckligen, vernachlässigten Fassaden der altersschwachen kleinen Häuser und die niedrigen hellen Mauern mit Toreinfahrten und Gittertüren, hinter denen und über denen ein paar kümmerliche Bäume zum Vorschein kommen.

Das ist die unauffällige, bescheidene Szenerie, die Utrillo im Lauf der Jahrzehnte nur geringfügig variiert – selbst als alter Mann in der Villa La Bonne Lucie malt er Montmartre. Man kam fragen, ob eine solche thematische Beschränkung nicht doch einen Mangel darstellt. Zum mindesten, ob sein Werk durch Massierung gewinnt.

128 Utrillos sind in München versammelt. Die Aufmerksamkeit des Betrachters ermüdet, wenn er sich fast immer dem gleichen Bild gegenübersieht. Utrillo ist für Kollektivausstellungen denkbar ungeeignet. Denn auch das, woraus sonst Retrospektiven ihre Berechtigung herleiten, daß sie nämlich den Weg des Malers, seine "Entwicklung" erkennbar machen, kommt bei Utrillo kaum in Betracht. Die späten Bilder sind grundsätzlich kaum anders als die frühen, Man kann nicht einmal sagen, daß sie ausnahmslos schwächer sind, auch wenn sie in der Hauptsache Reprisen darstellen.

Utrillo ist so wenig auf die Inspiration des Augenscheins, auf das optische oder seelische Erlebnis einer Realität angewiesen, daß seine Bilder durch unablässiges Wiederholen sogar gewinnen können. Und wenn er sich an neuen Motiven versucht, wenn er Schloß Chillon vor dem Panorama der Alpen malt oder die Landschaft von Korsika, macht ihn das Fremde, statt ihn anzuregen, unsicher.