Der stellvertretende Vorsitzende der SPD, Herbert Wehner, gab unserem Bonner Korrespondenten ein Interview. Darin nimmt er Stellung zu jenen bohrenden Fragen, die die Regierungspartei den Sozialdemokraten während der außenpolitischen Debatte des Bundestages gestellt hat und die dort nicht ausreichend beantwortet wurden.

ZEIT: Hat die außenpolitische Debatte nach Ihrer Meinung irgend etwas Positives hervorgebracht?

Wehner: Ich glaube schon, denn man wird später über nichts mehr diskutieren können, was in den Bereich der Außenpolitik und der Wiedervereinigungspolitik gehört, ohne auf diese Debatte zurückzukommen und die Vorschläge, die in ihr vorgetragen wurden. Wie immer man sich auch zu ihnen stellt. Ob man sie für ein taktisches Manöver hält, oder glaubt, daß diese Vorschläge aus einer bestimmten Sicht der Tatsachen geboren wurden.

ZEIT: Sie sagten in der Debatte, die SPD gehe davon aus, daß das europäische und atlantische Vertragssystem Grundlage und Rahmen für alle Bemühungen der Außen- und Wiedervereinigungspolitik seien. Ist daraus zu schließen, daß Sie die Zugehörigkeit der Bundesrepublik zur NATO nicht mehr als ein Hindernis für die Wiedervereinigung betrachten?

Wehner: Wir sind keine Leute, die Verträge brechen. Weder können wir sie brechen, solange wir in der Opposition sind, noch haben wir vor, sie zu brechen, wenn wir an der Regierung wären. Einmal geschlossene Verträge sind für jede Politik, die hier gemacht wird, Ausgangspunkt und Rahmen. Wenn das bisher bezweifelt wurde, möchte ich wissen, was man überhaupt von der SPD gehalten hat.

ZEIT: Sie wissen, daß Ihnen der Bundesverteidigungsminister vorgeworfen hat, die SPD würde die Verträge nur mit innerem Widerstreben halten. Was sagen Sie dazu?

Wehner: Ich habe am Vorabend der Debatte nachgelesen, wer alles seinerzeit gegen das Grundgesetz gestimmt hat. Und wenn ich sehe, wer alles uns nun im Bundestag fragt, ob wir denn die Verträge einhalten würden, dann kann ich mich nur wundern. Wobei ich immerhin hervorheben möchte, daß das Grundgesetz doch noch um einige Grade ernster zu nehmen ist als die Verträge. Wenn das so weitergeht, muß man an der Möglichkeit verzweifeln, in unserem Staat im demokratischen Sinne Politik machen zu können.