Von Ortwin Fink

Eine perfekte Sensation verhießen die Schlagzeilen der deutschen Massenblätter Ende vergangener Woche. "Ein alter Traum der Menschheit ist erfüllt!" prangten die roten Lettern, und: "Künstliches Brot für Millionen." Dazu ermuntert hatte sie ein Bericht des Fachpressedienstes "Chemie-Nachrichten" vom 28. Juni 1960, der überschrieben war: "Chlorophyll aus der Retorte – Neue Großtat der Chemie."

Vertieft man sich in den Sachverhalt, so wird jedoch gewiß, daß die sensationelle Großtat bereits vor fünf Jahren geleistet wurde und daß die hungernden Millionen dieser Welt weiter hungern müssen. Aber eine der größten Leistungen der Chemie ist dennoch, was die Forschergruppe des Professors Martin Strell in München zustandegebracht hat: Sie schloß die letzte Lücke zum künstlichen Aufbau von Chlorophyll a, indem sie eine Substanz namens Phäophorbid synthetisierte. Dieses Phäophorbid ist das Perpendikel zur Vollsynthese des Chlorophylls, der man schon lange sowohl durch Teilsynthesen (von einfacheren Substanzen ausgehend) wie umgekehrt durch Abbau des Natur-Chlorophylls sehr nahe gekommen war.

Das "Geheimpatent Nr. 1 der Natur" ist nun zum größten Teil enträtselt: die Zusammensetzung des Chlorophylls, des grünen Farbstoffs der Pflanzen also, ohne den es kein Leben auf der Erde und in den Weltmeeren, keine Kohle und kein Erdöl in der Tiefe gäbe. Blattgrün – ein Gemisch aus den beiden Komponenten Chlorophyll a und b, dem blaugrünen und gelbgrünen Farbstoff, den die Pflanzen im Verhältnis drei zu eins enthalten –, dieses Blattgrün ist die einzige Substanz, die anorganische Materie in Baustoffe des Lebens umzuwandeln vermag. Wasser und Mineralien aus dem Boden, Kohlensäure aus der Luft verarbeitet das Chlorophyll zu Zucker, schließlich zu Stärke, Eiweiß und Fett.

Die ‚Maschinerie‘ dieses "Geheimpatents", das ‚Auto‘ namens "Chlorophyll", ist nun in München in allen Einzelteilen nachkonstruiert worden, aber die Natur hat die Bedienungsanweisung einstweilen noch für sich behalten: das Wissen um die Anwendung des ,Zündschlüssels‘ namens "Photosynthese". Photosynthese – das heißt: Stoffaufbau durch Licht. Das Chlorophyll nimmt die Strahlungsenergie des Lichtes auf, speichert sie als Energie in chemischer Form und leitet sie schließlich weiter zur Umwandlung von Kohlensäure und Wasser zu Zucker und Stärke. Solange dieser Arbeitsvorgang noch nicht von Menschen nachvollzogen wurde, ist es auch noch nichts mit dem alten Traum der Menschheit, künstliches Chlorophyll jene Arbeit tun zu lassen, welche die Pflanzen höchst eigennützig verrichten: Unverdauliches verdaulich zu machen.

Mit der Nachkonstruktion des Chlorophylls wurde allerdings mindestens die halbe Strecke des Weges zurückgelegt, an dessen Ende die Nutzbarmachung des grünen Blattfarbstoffes steht. Dieser Weg begann zwar sehr früh, aber er führte sehr langsam voran. Bereits 1779 hatte der niederländische Arzt Ingen-Housz erkannt, daß der Umwandlungsvorgang in den grünen Organen der Pflanzen vom Licht abhängig ist; die französischen Chemiker Pelletier und Caventou gaben diesen Organen 1817 den Namen "Chlorophyll". Der schwedische Freiherr von Berzelius, Vater der chemischen Symbole, war 1837 der erste, der Chlorophyll von den anderen pflanzlichen Bestandteilen zu isolieren suchte, doch erst 1864 gelang dem englischen Physiker Stokes durch spektroskopische Beobachtungen überhaupt der Nachweis, daß es zwei Pflanzenfarbstoffe gibt, Chlorophyll a und b. Die neuere Entwicklung der Blattgrün-Chemie . leitete dann der Breslauer Pflanzenphysiologe Julius Sachs ein, indem er 1862 experimentell nachwies, daß die Stärke im Chlorophyll durch Zerlegung der Kohlensäure entsteht. Der König der Chlorophyll-Chemie, dessen Kronprinzen in direkter Nachfolge nun in München seinen Thron noch erhöhten, heißt Hans Fischer. Er wurde (1881) als Sohn eines Senators der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Hoechst geboren. Er kam also aus der "Stadt der Chemie", und er wurde (1921) als Chemieprofessor an die Technische Hochschule in München berufen. Hier deckte er die Ähnlichkeit zwischen dem Blattgrün und dem Blutfarbstoff auf. Für seine Arbeiten über die Beschaffenheit der Blut- und Gallenfarbstoffe und für die künstliche Herstellung der Blutfarbe, des Hämins, verlieh ihm die Schwedische Akademie 1930 den Nobelpreis für Chemie.

Die Frucht seiner weiteren Arbeit war 1935 die Strukturformel des Chlorophylls: die Kenntnis, aus welchen Teilen das Blattgrün im einzelnen besteht. Die Formel wurde 1939 veröffentlicht. Und in aller Welt begannen Forscher, nach dieser Formel künstliches Chlorophyll zu bauen. Auch Fischer selbst versuchte es, um die Richtigkeit seiner Formel praktisch zu beweisen. Der Beweis blieb ihm versagt; im März 1945 kam er auf tragische Weise ums Leben.