Auch Handelsgebräuche und Verkehrssitten passen sich der "Mode" an. Daran ändert die erfreuliche Tatsache nichts, daß die Grundbegriffe des ehrsamen Kaufmanns von dereinst, ohne zu veralten und zeitfremd zu werden, kraftvoll weiterbestehen. "Vertrauenswürdigkeit" ist die Basis des Wirtschaftslebens geblieben. "Kredit" im ursprünglichen Sinn des Wortes – Glaube an Anstand und Zuverlässigkeit des Geschäftspartners – spielt immer noch eine wichtige Rolle in der wirtschaftlichen Mentalität.

Die entsprechenden Rechtsbegriffe aber sind den Zeitverhältnissen angepaßt worden. Dazu gehören vor allem die Begriffe Fahrlässigkeit, Sorgfalt im Verkehr, Treu und Glauben, Verkehrssitte und guter Glauben. Mit faulen Ausreden und ängstlichem Berufen auf die Vergangenheit, also auf eine überlebte Rechtsauffassung, war und ist nichts zu erreichen.

Das zeigt sich am deutlichsten bei Kreditverkäufen unter Eigentumsvorbehalt.Der Zweit-Erwerber einer unter Eigentumsvorbehalt gekauften Ware darf nicht einfach glauben, er muß weitestgehend prüfen. Tut der Erwerber das nicht, wird ihm grobe Fahrlässigkeit zur Last gelegt, die als erhebliches Verschulden gilt und schwerwiegende Rechtsfolgen für den Erwerber auslöst.

Ein für zahlreiche Entscheidungen mustergültiges Urteil ist das des Oberlandesgerichts Celle vom 8. Januar 1960. In dem Entscheidungsfall handelt es sich um ein teures Fernseh- und Rundfunkgerät von 1880 DM. wobei die Finanzierung von einer Kreditbank übernommen wurde. In 18 Monatsraten war der Kaufpreis an die Kreditbank zu zahlen, die bis dahin das Eigentum an dem Gerät behielt. Der Käufer veräußerte das Gerät jedoch schon vor der vollen Bezahlung des Kaufpreises an einen dritten, der sich auf gutgläubigen Erwerb berief. Er betonte, daß er mit dem Verkäufer seit langem in Geschäftsbeziehungen stehe und die besten Erfahrungen gemacht habe, so daß er zu Mißtrauen keinerlei Anlaß gehabt habe. Dem dritten wurde jedoch vom Gericht grobe Fahrlässigkeit vorgeworfen, Er mußte das Gerät herausgeben und Schadenersatz leisten.

Die geltende Rechtsauffassung geht heute dahin: Bei vielen Waren ist die Wahrscheinlichkeit, daß diese unter Eigentumsvorbehalt geliefert sind, so stark, daß sich der Erwerber "vorbehaltloses Eigentum" des Veräußerers nachweisen lassen muß, um dem Vorwurf grober Fahrlässigkeit zu entgehen. Es gilt als allgemeine Erfahrung, daß gerade Fernseh- und Rundfunkgeräte, Waschmaschinen, Haushaltsmaschinen wie auch Kraftfahrzeuge und ähnliche Gegenstände von größerem Geldwert auf Raten unter Eigentumsvorbehalt gekauft werden. Bei einem Erwerb solcher Sachen darf daher nicht angenommen werden, daß sie voll bezahlt und freies Eigentum des Veräußerers sind.

Gewiß wird es oft peinlich und mitunter auch unangebracht sein, von einem Bekannten zu verlangen, daß er sein Eigentum durch Vorlage der Zahlungsbelege nachweist, wenn er einen Gegenstand verkaufen will. Dennoch gilt als Norm aller Erwägungen, daß eben auf Raten gekauft wird.

Unter den Missetaten der Mitmenschen müssen leider alle korrekten und schuldlosen Zeitgenossen leiden; auch die Gesetze sind mißtrauisch und verlangen, daß rechtmäßiges Verhalten erst nachzuweisen ist. So verlangen die Steuergesetze, daß steuergerechtes Handeln durch Vorlage von Quittungen erwiesen wird, weil der Staat an allgemeine Steuerehrlichkeit eben nicht glauben kann. Aus diesem Grunde wird der Hinweis, daß der Geschäftspartner ein grundehrlicher und zuverlässiger Geschäftspartner sei, von den Gerichten nicht anerkannt, wenn die allgemeine Erfahrung lehrt, daß Mißtrauen notwendig und die Prüfung der Richtigkeit deshalb geboten ist, Von einem Kaufmann wird größere Sorgfalt verlangt als von einem geschäftlich nicht so erfahrenen Bürger. Innerhalb der Branche werden Kenntnisse der üblichen Gegebenheiten, Unsitten und Gefahren als bekannt vorausgesetzt,