Es wäre grundfalsch, wollte man sich bei einer Beurteilung der Chancen der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, Essen, allzusehr von dem Gedanken an die Kohlenkrise leiten lassen. Die GBAG ist zwar als größte deutsche Zechengesellschaft durchaus von den Schwierigkeiten im Bergbau in Mitleidenschaft gezogen, aber das gilt sicherlich mehr für die Vergangenheit als für die Zukunft Überdies wird das Schicksal dieses Unternehmens, das zu den größten deutschen Publikumsgesellschaften zählt, keineswegs ausschließlich von der Kohle bestimmt. Die GBAG gehört außerdem zu den bedeutendsten Stromerzeugern des Bundesgebietes; zusammen mit den HEW bestreitet das Unternehmen in der Rangordnung den 4. Platz. Wahrscheinlich wird es sich noch besser placieren, wenn die angelaufenen großen Kraftwerksinvestitionen der GBAG abgeschlossen sind. Daneben wird die Konzernbilanz in zunehmendem Maße von der Mineralöltochter, der Gelsenberg Benzin AG bestimmt, die voll an der Expansion der flüssigen Energie teilnimmt. Gelsenberg verfügt gegenwärtig über die größte westdeutsche Raffineriekapazität, und es wird selbstverständlich auch auf diesem Gebiet erheblich weiter investiert. An der geplanten Raffinerie in Karlsruhe ist das Unternehmen mit 45 vH beteiligt. Außerdem darf davon ausgegangen werden, daß das Essener Unternehmen auch beachtliche petrochemische Pläne hat, über die vermutlich in naher Zukunft näheres bekanntgegeben wird.

Die hiermit angedeuteten Möglichkeiten reihen die GBAG-Aktie mit in die Gruppe der Wachstumswerte ein. In der Besprechung des Jahresabschlusses 1959 betonte der Vorstandsvorsitzer der Gesellschaft, Bergassessor Hans Dütting, ausdrücklich, daß das Unternehmen für die Aktionäre "immer interessanter" werde. Er konnte dabei auch darauf hinweisen, daß die Gelsenbergzechen auf dem besten Wege zur völligen Gesundung seien. Die GBAG hat vergleichsweise frühzeitig die Konsequenzen aus dem nachhaltigen Umschwung auf dem Kohlemarkt gezogen und radikal auf unrentable Fördermengen verzichtet. Die notwendigen Stillegungsmaßnahmen bei den Bochumer Zechen sind im Frühjahr dieses Jahres tatkräftig in Angriff genommen worden. Die Schließung dreier Grenzzechen wird vermutlich den Kostenvorsprung, den das Unternehmen gegenüber dem Ruhrdurchschnitt ohnehin hat, noch weiter vergrößern. Bereits im Berichtsjahre konnten hier die kalkulatorischen Selbstkosten der Grubenbetriebe von 60,43 DM/t im 1. Quartal 1959 auf 54,51 DM/t im 1. Quartal 1960 gesenkt werden. Sie lagen damit zuletzt um 2,69 DM unter dem Durchschnitt der Ruhrzechen.

Die Kohlenförderung der GBAG ist seit 1956, dem Jahre mit der bisher höchsten Produktion, um 13,1 vH eingeschränkt worden. Damit ist der Anteil an der Ruhrförderung auf 15,0 (15,3) vH zurückgegangen. Wesentlich stärker noch wurde die Kokserzeugung gedrosselt. Mit 5,18 (6,23) Mill t im Jahre 1959 haben die GBAG-Kokereien ihre Produktion seit dem Höchststand um 23,9 vH verringert. Die Haldenzunahme hat sich im Berichtsjahre merklich verlangsamt. Nach 42 im Vorjahre blieben 1959 nur noch 8 Tagesförderungen bei den Zechen liegen. Am 31. 12. lagen noch 2.93 Mill. t Kohle und Koks bei den Gelsenbergzechen auf Halde. Davon konnten allerdings bis Ende Mai 1960 schon 19 vH abgebaut werden.

Gleichzeitig mit dem anhaltenden Rückzug der Kohle hat die Mineralöltochter ihr forsches Expansionstempo noch weiter gesteigert. Im Berichtsjahre hat die Gelsenberg Benzin AG bei einem Rohöldurchsatz von 3,2 (2,6) Mill. t 1,99 (1,66) Mill. t Treibstoffe und 992 000 (747 000) t Heizöl erzeugt. Das ist seit 1956 in einem Falle eine Steigerung von 20,3 vH und in dem anderen, beim Heizöl, eine Zunahme von nicht weniger als 487 vH. Infolgedessen hat sich der Energiefremdumsatz des Konzerns weiter zu Gunsten der flüssigen Brennstoffe verschoben.

Die Entwicklung des Wertumsatzes – der für den gesamten GBAG-Bereich nur gesondert ausgewiesen wird – spiegelt die Vorgänge bei den einzelnen Konzerngliedern wider. Die Kohlegesellschaften haben mit 994 (1,08 Mrd) Mill. t ihren Vorjahresumsatz um 8,7 vH unterschritten. Rückläufig blieb auch der Umsatz der Handelsgesellschaften, der wegen des hohen Anteils der festen Brennstoffe am Geschäft der Raab Karcher GmbH von 821 auf 760 Mill. DM zusammengeschrumpft ist. Es versteht sich, daß die Mineralöltochter mit günstigeren Zahlen aufwarten kann. Gelsenberg Benzin hat mit einer 16prozentigen Umsatzsteigerung im Jahre 1959 803 (691) Mill. DM erreicht.

Auch die Ertragsrechnung des Konzerns hat im Berichtsjahre wesentlich von dem guten Mineralölgeschält profitiert. In Ergänzung zu dem wiederum sehr ausführlich gehaltenen Geschäftsbericht teilte der Vorstand in der Pressekonferenz mit, daß der Bergbau zu dem wirtschaftlichen Ergebnis nur noch 60 vH gegenüber 74 vH im Vorjahr, der Handel 8 (9) vH und Gelsenberg Benzin 32 gegenüber 17 vH beigetragen haben. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß das Konzernergebnis diesmal die Erträge von 21 Monaten beim Bergbau und beim Handel enthält, weil mit der inzwischen vollzogenen Umwandlung auf die frühere Holdinggesellschaft auch die Geschäftsjahre angeglichen worden sind. Den Aktionären der GBAG wird aus diesem Ergebnis – der Reingewinn wird mit 36,9 Mill. DM um 16,4 Mill. DM höher ausgewiesen – eine Dividende von 9 (8) v H vorgeschlagen.

Die Investitionen, die im gesamten GBAG-Bereich mit 153,5 (227,1) Mill. DM für das Berichtsjahr erheblich niedriger ausgefallen waren als im Jahre davor, werden im neuen Geschäftsjahr 1960 wieder kräftig anziehen. Die Konzernverwaltung rechnet mit knapp 200 Mill. DM. Ingrid Neumann