H. W. Kiel

Schleswig-Holsteins Innenminister Dr. Lemke mußte sich mit einem delikaten Thema befassen. Ihm war zu Ohren gekommen, daß nicht nur die Nord- und Ostseebäder den Strand für Freikörperkultur immer mehr ausdehnen, sondern daß auch dort "ohne" gebadet wurde, wo weder Ordnungsämter noch sonstige Behörden dazu die Erlaubnis gegeben haben. Um all jenen Behörden, die nach dem Motto "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" ihre Gäste baden ließen, wann, wo und wie sie es wollten, das Gewissen zu schärfen, ließ der Minister einen Runderlaß verschicken.

Es gebe Bestimmungen (sie stammen aus dem Jahre 1942), die heute noch gültig seien, schrieb der Minister. Und darin heiße es unmißverständlich, daß "nicht an solchen Strand- und Uferstrecken nackt gebadet werden darf, die von unbeteiligten Personen begangen und eingesehen werden können." "Baden ohne Badebekleidung" sei nur auf "besonders dafür freigegebenem Gelände und nur dann gestattet, wenn die Badenden annehmen können, daß sie von unbeteiligten Personen nicht gesehen werden können".

In den Nord- und Ostseebädern Schleswig-Holsteins war man über diesen Erlaß nicht eben entzückt. Man fürchtete das Schlimmste: Das Ausbleiben der Gäste. Der Kurdirektor von Westerland schrieb einen besorgten Brief an den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten von Hassel, um zu erfahren, wie der Erlaß denn gemeint sei.

Die Antwort des Ministerpräsidenten dürfte ihn der größten Sorgen enthoben haben. Von Hassel teilte ihm mit, die "Angelegenheit Nacktbaden" sei von den zuständigen Stellen der Landesregierung geprüft worden, und "weitergehende Maßnahmen" zur Verhinderung des Nacktbadens seien vorerst nicht geplant.

Im übrigen, meinte der Regierungschef, werde es von den Erfahrungsberichten, die nach der Saison eingereicht werden sollen, abhängen, ob in Zukunft "weitergehende Regelungen" erforderlich sein würden.

Wer sich also künftig hüllenlos am Strande von Schleswig-Holstein ergeht, ist gewarnt: Das Damoklesschwert eines ministeriellen Erlasses schwebt über ihm.