J. B., Wien, im Juli

Jovial, aber für Österreichs Wirtschaftsführer doch etwas zu naiv, waren die Erklärungen Chruschtschows, weshalb zwischen Österreich und der Sowjetunion nur ein wertmäßig ausgeglichener Warenhandel möglich sei.

Der Vorsitzende des Ministerrates der Sowjetunion sprach am zweiten Tage seines Aufenthaltes in Österreich vor etwa 350 Gästen im neuen Kongreßsaal der Bundeshandelskammer. "Ich weiß schon, was Sie wollen", sagte Chruschtschow. "Sie wollen, daß wir mit harten Devisen oder mit Gold zahlen, und Sie kaufen damit in England oder in den Vereinigten Staaten Rohstoffe ein. Das hieße, die Sowjetunion unterstützt die Wirtschaft... der Vereinigten Staaten, das können Sie von uns nicht verlangen."

Auch der Rubel sei eine felsenfeste Währung; nach der Reform vom 1. Januar 1961 werde er noch stabiler sein als bisher... und hier demonstrierte der Propagandist handgreiflich, was er meinte, indem er (wie seinerzeit in Paris) die vorsorglich leer gelassenen Rocktaschen umdrehte: "Sie können nachsehen bei mir, es ist nichts drin. Dollar und Pfunde haben wir nicht." Bei anderer Gelegenheit hieß es allerdings, er könne ganz Österreich kaufen.

Jedenfalls werden die konkreten Verhandlungen schwierig sein. Für Österreich geht es darum, neben den bisherigen, durch Gegenlieferungen bezahlten Exporten auch jene Warenausfuhren bezahlt zu erhalten, die bis jetzt kostenlos als Abfindung für das ehemalige deutsche Eigentum in Ostösterreich zu liefern sind. Die Schwierigkeit liegt nach wie vor darin, daß sich die Sowjetunion weder im Sortiment noch im Service (z. B. für den wirklich billigen Personenwagen "Moskwitsch") auf österreichischen Bedarf einzustellen bemüht, und daß man eben in den österreichischen Spinnereien und Webereien auf amerikanische und ägyptische Baumwolle eingestellt ist. Das sind kommerzielle Erwägungen, die nicht durch "prinzipielle" Entschlüsse ausgeschaltet werden können. Der Osten versteht sich wohl meisterhaft auf die Beschaffung von knappen Waren im Westen, aber er möchte die Sorge um den Verkauf seiner Gegenlieferung immer dem Handelspartner überbürden.

Chruschtschow lobte Österreichs Fernbleiben von der EWG. Im übrigen sind bisher alle Gespräche im Grundsätzlichen steckengeblieben.