Von Kurt W. Streit

Am 1. Juli hielt der Bundesverband der Deutschen Luftfahrtindustrie in Baden-Baden seine diesjährige Jahrestagung ab. Entgegen den bisherigen Gepflogenheiten der Luftfahrtindustrie blieb diesmal die Öffentlichkeit – auch die Presse – ausgeschlossen. Wer indessen die internen Verhältnisse dieses für die Bundesrepublik gewiß nicht unwichtigen Industriezweiges kennt, weiß, daß in Baden-Baden Probleme zur Sprache kommen mußten, die ihre Ursache letzten Endes in dem Generationenproblem haben.

Abgesehen von einer einzigen Ausnahme – den Dornierwerken in München und Friedrichshafen – sind die Firmen der in der Bundesrepublik ansässigen Luftfahrtindustrie ohne richtungsweisendes Konzept an die Werkbank zurückgekehrt. Zwar trifft die Feststellung durchaus zu, daß kaum eine andere Industrie nach 1945 schwerer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Aber mit der ständigen Berufung auf die Nachkriegssituation der bundesrepublikanischen Luftfahrt können Versäumnisse nicht vom Tisch gewischt werden, die im wesentlichen das gegenwärtige Gesicht dieser Industrie bestimmen.

Gewiß ist es richtig, die Luftfahrtindustrie (wie den Luftverkehr) als "Spätheimkehrer" der Bundesrepublik zu klassifizieren; gewiß ist es bedauerlich, daß die Bundesregierung sich bis zum Tage X der beginnenden Wiederaufrüstung um die Probleme der Luftfahrtindustrie wenig kümmerte – als sei niemandem in Bonn geläufig, welche technische Ausstrahlung die Luftfahrt während des zurückliegenden halben Jahrhunderts auf andere Industriezweige bewiesen hat. Aber ist dieser Vorgang nicht zum Teil eigenem Verschulden der Luftfahrtindustrie zuzuschreiben, die es offenbar nicht richtig verstand, sich und ihre Interessen in Bonn neu zu verkaufen?

War angesichts einer während des Krieges forcierten Massenfertigung, die stückzahlmäßig nur Vergleiche mit der amerikanischen Luftfahrtindustrie zuläßt, jeder kaufmännische Maßstab, jede Unternehmer-Initiative, verlorengegangen? Hatte man vergessen, daß der weltweite Ruf der deutschen Luftfahrtindustrie, in ihren Konzeptionen die Spitzenposition zu behaupten, auf den Ideenreichtum ihrer Ingenieure und auf den Mut der Unternehmer zurückzuführen waren? Hatten nach 1945 wirklich alle Spitzenkräfte das Land verlassen?

Keineswegs! Aber die Last der Gegenwart und die Ressentiments der Vergangenheit ließ die Mehrzahl der Unternehmen weder zusammenfinden noch sie ein gemeinsames und technisch zugkräftiges Konzept für den Wiederaufbau erstellen. Es fehlte nicht am Geld allein, es fehlte vor allem an Ideen – und an Persönlichkeiten.

Konservativem Denken entsprangen in der Entwicklung von Reiseflugzeugen die Klemm Kl 107 und die Blume Bl 502 – als wären eine Kl 32 und eine Bf 108 nicht bereits zwei Jahrzehnte früher dagewesen und als wäre angesichts dessen, was die übrige, europäische und die amerikanische Industrie in derselben Klasse zu bieten haben, dafür ein Markt vorhanden. Bezogen auf die Zivilluftfahrt wird es bei der Kl 107 nicht möglich sein, eine größere Serie aufzulegen, und die Bl 502 dürfte so gut wie unabsetzbar bleiben.